Zur Familienpolitik: Erschienen im St. Galler Tagblatt, Juli 2003

„…endlich eine Familienpolitik, die diesen Namen auch verdient.“
Das Salzkorn vom 6. Juni trifft genau ins Zentrum dessen, was uns derzeit umtreibt, sagt, dass endlich (!) etwas zu tun sei, weil uns die Kinder fehlen, weil uns damit die wirtschaftliche Basis verloren geht, weil man nicht einfach zu mehr Kindern aufrufen kann. Und es verweist mit einem einzigen Wort darauf, dass wir vieles versäumt haben. Mit Einrichtungen und ausgesprochenen oder heimlichen Leitgedanken haben wir alles daran gesetzt, die im 19. Jahrhundert entwickelten bürgerlichen Idealvorstellungen zu verwirklichen. Bis hin zum Mittagessen im Familienkreis und zum Bild der Mutter, die Hauaufgaben beaufsichtigt, hat sich jedes Alltagsdetail nach dieser Idee zu richten gehabt. Und so sollte es bleiben. So war man es gewohnt. So war es gut. Und damit trat ein, was die Not und das Elend des Konservativismus ausmacht. Zum berechtigten Wunsch nach Beständigkeit und zum Traum von einem heilen Gestern kam die Schwierigkeit, die tatsächlichen Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und zukunftsgerichtete Modelle zumindest zu erwägen.
So stehen wir heute da mit fehlenden Kinderkrippen, nicht realisierten Ganztagesschulen, leben nur selten in einer kinderfreundlichen Umgebung. Und es scheint, als ob sich auch der Mittelstand, will er seinen Kindern eine entsprechende Ausbildung zukommen lassen, ruiniere. Selbst Verbesserungen, wie effizientere Studiengänge an Hochschulen und Universitäten, haben dazu beigetragen, weil sie bei steigenden Gebühren und Prüfungskosten gleichzeitig einen Nebenerwerb verunmöglichen. Wo immer man am Netz unserer Einrichtungen zieht, immer ist unter anderem festzustellen, dass Kinder in unserer Welt zunehmend Kinder sehr gut Verdienender sein müssen.
Das ist ein Faktum. Wenn dazu noch kommt, dass wir diese tollkühne Vorstellung verloren haben, dass wir alles, was gefordert ist und Kinder zu Recht fordern, aus eigenen Kräften schaffen, dann müssen wir sagen, dass dem Durchschnitt nur zwei Möglichkeiten bleiben: ein Leben ohne mehrere Kinder oder eines, das nur dann nicht in einem Desaster endet, wenn man in einer nahezu fahrlässige Sorglosigkeit Massstäbe an sein Dasein legt, die uns selbst die prekärsten Umstände mit Humor ertragen lassen. Aber das ist eine Überforderung. Das ist der Alltag vieler Kunstschaffender und Schriftsteller. Und selbst diese scheitern immer neu daran.
Dass wir mit zunehmend weniger eigenen Kindern leben, haben wir uns so eingerichtet. Wer genau hinschaut, sieht, dass wir bei sehr vielen politischen Entscheiden genau in dieser Richtung weitergehen. Sicher werden Kinderkrippen eine Verbesserung bringen. Ausreichen wird das nicht. Es ist mehr gefordert, nämlich, dass wir jede politische Frage und jede Sparmassnahme darauf hin anschauen, was sie für den Alltag der Erziehenden, der Kinder und Jugendlichen heissen. Und unabdingbar ist, dass wir Sorge tragen zu unseren Immigrantinnen und Immigranten. Sie haben Kinder.

Ruth Erat