Leserbrief: Erschienen im St. Galler Tagblatt

Strom ohne Atom
Die absolut sicheren Endlager für radioaktive Abfälle seien dank der Erfahrung der letzten zehn Jahre heute noch sicherer, so heisst es salzig ätzend, wie sich dies für ein Salzkorn gehört, im Tagblatt vom 26. Februar. Und dann ist davon die Rede, dass keine Region einen derart sicher Gefährliches abschottenden Stollen wolle. So ist das. Und gerade die Verbesserung der absoluten Sicherheit lässt an der Absolutheit der Sicherheit zweifeln – zumindest in diesem Fall, der aber doch ein Fall ist, den wir selbst verursachen. Man verzichtet trotzdem lieber auf die Anwendung des Verursacherprinzips, auch wenn es lukrativ wäre, ein Endlager in der eigenen Nähe zu haben. Die Angebote machen das Ganze offensichtlich nicht verlockender, ganz im Gegenteil. Was kann in unserer Welt Gutes an einer Sache sein, die man uns so wundersam zum Geschenk machen will? Im Meer ist uns der Abfall lieber. Da liegt er denn in der Tiefsee neben anderem. Und darüber schwimmen über leergefischtem Salzwasser immer wieder Ölfelder. Wir kennen das. Und es ist uns langweilig geworden. Ausserdem haben wir ganz andere Sorgen. Dass man Strom sparen wollte, ist zumeist vergessen. Dass wir das vierfache der Jahresproduktion des AKW Mühleberg exportieren, ist ein Geschäft. AKWs sind sowieso gerade jetzt kein Thema. So ist das. Und wir erinnern uns allenfalls, dass einmal sogar ein Bundesrat das energiesparende Eierkochen vorführte. Aber das ist uns natürlich längst eine lächerliche Vorstellung geworden. Wir sind ja weitergekommen. Die Welt dreht sich und lässt ihre Probleme als Abfälle zurück. Und so ist auch „Strom ohne Atom“ im Moment etwas zum Vergessen. Später, vergessen wir dann, dass wir das vergessen haben. Dann wehren wir uns da oder dort gegen ein Endlager ganz in der Nähe. Natürlich verlieren wir dann kein Wort darüber, dass wir im Mai 2003 nichts getan haben, sagen allenfalls, dass man wohl für die Initiative gewesen sei – natürlich „im Prinzip“ dafür gewesen sei. Tatsächlich hatte man aber damals, in diesem Frühjahr 2003, andere Sorgen und sicher keine Zeit für das Thema „Strom ohne Atom“. Wer denkt schon daran, dass man die Probleme immer wieder auffischt und die Rechnungen immer gesalzener werden?

Ruth Erat, Rheineck