Zur Abstimmung vom 18. Mai, Erschienen in: Der Rheintaler, April 2003

Wenn alles besser wird…
Alles wird besser. Und wir alle können unsern Tag gestalten, wie wir mögen – dies ganz ohne lästige Erinnerung daran, dass tagsüber Schinken und Käse und Zahnpasta einzukaufen wären. Irgendwo ist das ja verfügbar. Tankstellen-Shops und Geschäfte in Bahnhöfen sind auch am Sonntag und am späten Abend offen. So lässt sich der Tag nach Lust und Laune einteilen – und demnächst, sollte das neue Ladenschlussgesetzt Wirklichkeit werden, wird alles noch flexibler. Da steht dann in noch mehr Geschäften Personal bereit, um unseren Wünschen gemäss zur Unzeit Fleisch abzupacken und Brot aufzubacken. Die schöne neue Welt des Rund-um-die-Uhr-Einkaufs rückt immer näher.
So oder ähnlich müssen sich das die Befürworter der Neuerungen im Bereich Ladenschluss wohl vorstellen. Und sie haben nicht Unrecht, wenn sie meinen, das freue uns. Wollen wir doch nichts anderes, als alles sofort und immerzu verfügbar haben – natürlich auch die Verkäuferinnen und Verkäufer. Sie haben für uns im Geschäft zu stehen. Und das tun sie natürlich gerne. Denn wer will heute noch an einem schönen Sonntag auf seinem Balkon sitzen, im See schwimmen, mit der Familie spazieren, wandern, picknicken? Und wer will denn schon einen Abend damit verbringen, die Sorgen der Tochter abzuhören, dem Sohn bei seinen freudlos erledigten Hausaufgaben zuzuschauen, mit einer Freundin ins Kino zu gehen oder dergleichen mehr? Man ist doch lieber allein und hat seine Ruhe.
Und wenn jemand trotzdem beides möchte: Gemeinschaft plus zusätzlich flexibilisierte Arbeits- und Einkaufswelt, dann, so denkt man, ganz bestimmt nicht das Ladenpersonal. Es soll glücklich sein, dank neuen Arbeitszeiten noch öfter verfügbar zu sein. Wir wären es ja ganz sicher ebenso.
Auch die Ladenbesitzer, die sich bis anhin in Städtchen oder Dörfern gehalten haben, denkt man sich wohl als jene, die entweder selbst ewig lange im Geschäft stehen wollen oder über jene Finanzen verfügen, die es für zusätzliches Personal braucht – alles gemäss den Möglichkeiten der Tankstellen-Shops und Grossverteiler. Dass dem nicht so ist, liesse sich leicht feststellen. Da könnte ein wöchentlicher Einkauf im Geschäft um die Ecke ausreichen. Das wäre umweltfreundlich und würde mithelfen, unsere dörflichen und kleinstädtischen Strukturen zu erhalten. So gäbe es, wo wir wohnen, weiterhin einen Lebensraum, der Arbeit, Wohnen und Freizeit umfasst.
Aber davor scheint es allen, die mit dem neuen Ladenschlussgesetz die Welt verbessern wollen, zu grauen. Schrecklich muss ihnen ein Verkaufspersonal sein, das sich um das kümmern möchte, was wir noch immer tolldreist Familie, Freundschaft, Gemeinschaft nennen, und schlimm der blosse Gedanke daran, dass kleine Geschäfte überleben wollen.
Aber vielleicht besinnen wir uns ja und lehnen das neue Ladenschlussgesetz ab.

Ruth Erat