Der Schein trügt

So hätten wir das also geschafft. Nur 4,7% betrage, so heisst es gemäss BSV-Mitteilung, die durchschnittliche Prämienerhöhung. Und so macht es den Anschein, als wäre die Kostenexplosion im Gesundheitswesen abgebremst. So können sich alle, die nicht genauer hinsehen, freuen. Wer aber der ganzen Sache auf den Grund geht, entdeckt Seltsamkeiten: die Kürzungen der Franchisen-Rabatte und die Umverteilung der Prämienregionen ergeben gemäss „comparis“ eine andere Zahl: 7,4%. Und dazu kommt ein weiteres Prozent durch die Erhöhung der Mindestfranchise. Und mit dem Aufatmen ist es nichts mehr.
Die Krankenkassenprämien werden uns gemäss diesen Berechnungen weiterhin Sorgen machen. Und für viele sind damit existenzielle Probleme verbunden. Familien werden weiterhin stark belastet. Das Kopfprämiensystem und die ausstehende Verbilligung der Kinderprämien tragen dazu nicht unwesentlich bei. Es ist also notwendig, trotz der sogenannt erfreulichen Erhöhung von 4,7% alles dafür zu tun, dass unser Gesundheitswesen bezahlbar bleibt. Oder müssen wir nicht in vielen Fällen sogar sagen, dass es wieder bezahlbar werden muss?
Zugegeben: Gesundheit kostet. Gratis ist eine gute medizinische Versorgung nicht. Aber sie könnte billiger sein. Unsere Medikamentenpreise sind im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu hoch. Noch immer sind preisgünstigere Parallelimporte von gleichwertigen Medikamenten nicht zugelassen. Damit wird unsere Pharmaindustrie bevorzugt. Damit fällt aber auch ein wichtiges Instrument, das die Kosten in Grenzen hält, weg. Und so scheint es, als könnten wir nichts tun.

Aber auch dieser Schein trügt.

Wer die letzte Session des Parlaments mitverfolgt hat, kann zumindest auf zwei parlamentarische Initiativen der SP-Fraktion hoffen: Auf die in der obligatorischen Grundversicherung sinnvoll gesenkten Medikamentenkosten – dies durch hier zu verschreibende preisgünstigere Arzneimittel, respektive Generika, sofern das medizinisch vertretbar ist, und auf die Verwendung der nicht ausgeschöpften 400 Millionen der Prämienverbilligung zur Senkung der Kosten für die Kinder. Um 250 Franken pro Kind und Jahr könnten damit die Familien entlastet werden.
Wenn wir davon ausgehen, dass wir statt mit zusätzlichen 4,7% mit etwa 9% zusätzlich belastet werden, müssten wir hoffen, dass die beiden Initiativen eine Parlamentsmehrheit finden, zudem weitergedacht und –gearbeitet wird. Oder wird es wieder so sein, wie meist: Familienfreundlichkeit lacht von Wahlplakaten herunter und danach nimmt sie mit schönen Worten ihr Ende?
Immerhin hat unsere Bevölkerung die Möglichkeit zu wählen. Dafür müsste ihr aber auch immer wieder transparent gemacht werden können, was wirklich geschieht. Aber es scheint, als wollte man gerade das nicht, versuche mit der Zahl von 4,7% jede Aufmerksamkeit einzuschläfern.

Ruth Erat