Die Katastrophe des verlorenen Geschichtsbewusstseins

Ratten seien soziale Tiere, heisst es in jedem Buch zur Haltung dieser Spezies. Er möge Ratten, sie seien die Rentner unter den Tieren, sagt ein Doktorand im Magazin des Tagesanzeigers. Sie stünden für Klugheit, sagt der ferne Osten. Und man weiss, dass sie anderswo den Hunger stillen.
So könnte man froh sein, zu den Ratten zu zählen – zu einer Art, die durchaus ein Bild für Weisheit und Nahrung sein könnte. Aber das gilt hierzulande nicht. Hier ist die Konnotation eine andere: Ratten bringen die Pest ins Land, sind Tiere, die uns panisch erschrecken. Mit ihnen ist mit einem Mal die Unterwelt der Kanalisation da. Gestank, Gärung und Moder steigen auf, Leben zerfällt, aus der Tiefe quellen Giftgase. Da hockt der Tod. Die Ratten sind seine Boten. Ihr Fell vermischt sich mit dem Sumpf, dem Schleim, dem Brei – mit unserem Kot. Ihr nackter Schwanz wird zum Bild einer unkontrollierbaren Sexualität. Angst befällt uns – Angst vor uns selbst, vor dem trüben Wasser der Fruchtbarkeit, der Verdauung und Verwesung, vor dem Tod. Das sind keine kurzen Erinnerungsbilder. Das ist, was wir in der Kanalisationszone verschlossen halten: der Tod und seine unstillbare Gier. Ratten werden uns zernagen…
Aber wir sollen natürlich keine Angst haben. Wohl deshalb berichteten die Medien ohne jede Emotion über die neue SVP-Propaganda. Die Rechtspolitik will ja nur mehr Aufmerksamkeit und möglichst angriffig gegen die SP und ihre Sympathisantinnen und Sympathisanten polemisieren. So soll man wahrscheinlich denken. Und dabei vergisst man, dass wir dieses Muster schon einmal hatten: Das Gute ist das klar Abgegrenzte und Weisse. Das Auszutiglgende, Wegzusperrende, zu Verbrennende ist rot und vermischt sich mit Blut und Kot und Unrat. Die helle Zukunft liegt im muskulösen Körper und seinen strahlenden Augen. Die Blut saugende Schmutz- und Schlammwelt mit ihrem Haarfilz und ihrer obszönen Nacktheit ist die drohende Flut, die demnächst alles verschlingt.
Die SVP-Werbung bringt Bilder aus den Tiefen menschlicher Ängste. Womit sie auffährt, ist ein Stück dunkelster Geschichte pathologischer Aggression gegen Lebendiges, das nicht von der Fruchtbarkeit und der Tödlichkeit des Lebens abgetrennt ist. Auch das brachte in nationalsozialistischen Zeiten das unüberbietbare Desaster pervertierter Menschlichkeit.
Dass sich die SVP dessen eventuell nicht bewusst ist, macht die Sache nicht besser. Der wahrscheinlich nur halbwegs reflektierte Griff in das Arsenal der Kanalisations-Propaganda zeugt von verlorenem Geschichtsbewusstsein. Daraus entsteht ein Verhalten, dessen Folgen noch nie jemand wirklich tragen wollte. Wenn da die Presse annimmt, mit der Beschränkung auf Fakten sei ihre Sache getan, weil der heutige Mensch ja aufgeklärt sei, irrt sie sich. Die SVP-Werbung zeigt das selbst. Und anzunehmen, die Schule könne da wirklich genügend Aufklärungsarbeit leisten, ist verwegen. Geschichte, das Lesen von Symbolen und Bildern, das Studium der menschlichen Ängste und ihre Folgen… – all das ist in unserer Gegenwart nach und nach zur Marginalität verkommen. Geisteswissenschaften seien unnütz und zu teuer, so meint man weitherum. Weit teurer wird uns aber zu stehen kommen, wenn dieses Vergessen weiterhin dieses verantwortungslose Spiel mit Bildern zur Welt bringt. Da wird am Ende die harmlos lachende SVP-Sonne Katastrophales mit Biederkeit verbrämen.
Dass die Bildungssparwut gerade dieses Ziel verfolgen könnte, ist ein Gedanke, den man sich gerne verbieten wollte.

Ruth Erat
Rorschacherstrasse 15
Rheinck
Kantonsratskandidatin SP