Wieder in Rom.

Ruth Erat fährt auf dem Monopattino, dem in Rom unüblichen Trottinett an allem vorbei und sieht Rom als eine Stadt für einen Film.
Wieder in San-Lorenzo.
Wieder allein.
Zeit, herumzupendeln in dieser Stadt, Zeit, Rom zu sehen.
Mit einem Mal fällt auf: Rom ist die Stadt für einen Film. Bild reiht sich an Bild. Da ist die Wäscheleine. Da ist eine unmässig grosse, graue Männerunterhose angeklammert. Dahinter rosafarben und in lichtem und rotem Ocker das Haus gegenüber – Kuben unter einem transparent blauen Himmel. In den Zwischenraum gehängt: die gespiegelte Glühlampe meiner Küche, unten, im hingestellten Spiegelrechteck ein Bein: Leinenhose, keine Schuhe. Jemand sitzt da am Tisch, schaut hinaus oder vor sich hin. Schnitt.
Aus dem nächsten Fenster andere Baukörper. Pultdächer. Mehr gelb. Darüber Fernsehantennen, Satellitenschüsseln. Ein Fensterladen geht auf. Zwei Menschen schauen hinunter in eine Art Hof. Wenn man sich weit hinauslehnt, sieht man, es ist kein Hof, es ist eine Strasse. Da sind einzelne niedrige Hauswürfel. Da werden Tische hinausgetragen, weiss gedeckt. Es wird dunkel. Nacht. Die Strasse ist ein einziges Fischrestaurant. Schwarze Muschelschalen häufen sich. Wer allein ist, bekommt keinen Platz. Man lacht. Teller klappern. Gesprächsfetzen steigen in die Höhe.
Am nächsten Morgen ist diese Strasse die kleine Via dei Falisci. Da gibt es nichts zu sehen. Da stehen nur geparkte Autos. Das Quartier ist ein bescheidenes. Da gibt es die Autoreparaturwerkstätten, die kleinen Bars, die Geschäfte mit einigen Tellern, Schüsseln, Käsereiben, jene mit elektrischen Geräten und natürlich den Beauty Point. Die Bar daneben hat geschlossen. Es ist August. Die Parfümverkäuferin steht nicht an die Hauswand gelehnt neben einem Mann, der ihr Chef sein könnte, sie dann und wann anschaut, zu lange hinblickt auf eine Schönheit, die anderen Männern nachschaut, jenen, die mit dem Roller ankommen, den Helm unter dem Arm, in die Bar schlendern, ein SMS eintippen oder lesen.
Es ist August. In Führern ist versprochen, es sei die Zeit einer leeren Stadt, einer Stadt nur für die zurückgebliebenen Römer. „Marcello“ mit seiner stadtbekannten römischen Küche hält sich ebenso daran wie die „Formula Uno“, die beste Pizzeria Roms, wie man sagt. Die Fontana di Trevi führt nicht die übliche Wassermenge. Wer um der Kühle der aufspritzenden Fontänen und heruntersprudelnden Sturzbäche willen vom Quirinal in dieses Loch hinunterstürzt, sieht sich betrogen. Die Touristen stauen sich trotzdem, fotografieren, hören die Trillerpfeife der uniformierten Aufsicht, die dafür sorgt, dass das Bad im Brunnen nur in einem Fellini-Film Wirklichkeit sein kann. La dolce vita.
Um die Säule vor Santa Maria Maggiore rasen Autos, Laster, Busse. Es ist heiss. Schlaf ist nur möglich, wen man sich zuvor lange Zeit in die mit kaltem Wasser gefüllte winzige Badewanne setzt. La Repubblica verspricht bis zum September den Terror der Hitze. Von Ozonwerten steht nichts, über den Prozess von Mailand viel, über das Urteil, die Korruptionsaffaire, einmalig vielleicht für die Welt, wie es heisst, und über den erbosten Berlusconi. Auf dem Bild schwingt er die Faust. Daneben ist jenes vom ersten geklonten Pferd.
Bild reiht sich an Bild.
Ich fahre auf meinem kindertümlichen Monopattino dahin und dorthin. Die Stadt vermessen, wieder vermessen. An allem vorbeifahren, an Santa Maria degli Angeli, an Santa Susanna, an Santa Maria del Popolo… Ich gehe nicht hinein. Der dicke Führer liegt neben meinem Bett an der Via die Latini. Der Sinn steht mir nicht nach all den Marterwerkzeugen im Lateran und überall, den froh in Öl kochenden Vorbildmärtyrern, dem winzigen, mehr schlecht als recht nachgemalten Bild, das in Santa Maria della Vittoria hängt, bei der Schlacht am Weissenberg in Prag den Katholischen den Sieg gebracht haben soll – Rast in der Villa Giulia. Da ist es still. Da geht man in dieser Klimaanlagenkühle an Vitrinen etruskischer Gegenstände und Kunst dahin. Da fällt mit einem Mal auf, wie bewegt die menschlichen Figuren dargestellt sind, sitzt unter dem zur Rebenlaube mit Putten umgemalten Bogengang, denkt an den Traum vom Schatten der Ast- und Blätterwerke. Kaum jemand kommt vorbei. Von den umständlichen, nach dem 11. September eingeführten, Kontrollen steht nur noch der Container neben dem Eingang.
In San Lorenzo sind die AS-Roma-Wimpel und Spruchbänder entweder völlig zerfetzt oder abgehängt. Ich weiss nicht, wer in diesem Jahr die italienische Fussballmeisterschaft anführt.
Da und dort gibt es noch eine regenbogenfarbene Pace-Fahne und versteckte Friedensaufrufe – auch beim Kinderspielplatz gegenüber.
Aus dem Caffè delle Arti ist der kleine, alte Kellner verschwunden. Vielleicht ist er am Meer. Vielleicht kommt er im September zurück.

Ruth Erat


Zur Person:
Ruth Erat, geboren 1951, Seminarlehrerin, Autorin und Kunstschaffende, lebte im Herbst 2001 in Rom, arbeitet derzeit in der kantonalen Kultur-Wohnung an der Via die Latini, kandidiert auf der SP-Frauenliste, unter anderem zusammen mit Hilde Fässler und Elsbeth Schrepfer für den Nationalrat, liest am 31. August im Frauenpavillon einen Text zur Gipfeltour der Ständeratskandidatin Heidi Hanselmann.