… and have not lived in vain.

Ruth Erat lebt im Luxus des Blätterschattens, taumelt zwischen Rappenspalterei und Verschwendung in der Tadzio-Bar, erinnert sich an eine Frau, sieht eine andere Frau.
„But I have lived, and have not lived in vain.“ Da ist es er wieder, dieser Satz von Lord Byron, eingemeisselt in den Sockel seiner Figur im Park der Villa Borghese, dieser Satz aus seinem Gedicht über Rom, seinem Leben hier. Und ich? Ich lebe und lebe im Wahn, rede vor mich hin, sehe den Himmel, und er ist unbegreiflich, sitze im Licht, im grossen Licht, wie es Max Frisch in seinen Briefen immer wieder nennt, weiss zwar, dass Cicero damit das Denken gemeint hatte, sehe trotzdem das Sonnenlicht, das mir schön und fremd zugleich bleibt, liege unter den Bäumen im Park der Villa Borghese, im steten Lärm der Zikaden, im Wind des frühen Nachmittags, und die Schönheit des Blätterschattens ist mir ein unverstandenes Glück. Ständig fällt der Blick auf die Baumrinden. Es gibt vor der Casina di Lago eine, die ist in nie gesehener Form zerschrunden – wie verklebt und aufgerissen.
Wer zur Zeit der Borghese reich war, liess hunderte von Bäumen pflanzen, dazwischen kleine Seen ausheben. Baumreich, Wasserreich, Schattenreich, und in der Tiefe lebt Lethe, die Göttin des Vergessens, im Geäst fliegen die Haare einer Kirke, die vom Leben singt, aus den Schatten steigt die Kühle des Morgens und der Nacht. Unter den Bäumen liegt der ganze Reichtum der Welt. Da prangt das Werk des Borghese-Papstes, Paul V. – der endgültig und gegen Michelangelos Grundplan nach dem lateinischen Kreuz geformte Petersdom – mit der gigantischen Bronzeinschrift: Paulus V. Burghesius Romanus. Aber der Garten, „vom Cardinal Scipione Borghese, Pabst Pauli V. Nipote angerichtet“, wie Johann Balhasar Klaute 1699 schreibt, ist „ohnvergleichlich“ schön. Klaute zählt natürlich die Kunstwerke auf und die Tiermenge von damals: „400 Rehe, Gembsen und anders Wild“. Das Jagdvieh ist durch einen Zoo ersetzt. Es gibt Gelati und niemand bläst zum Sautod. Auf dem kleinen See rudern Paare zum Marmortempel hinüber. Im Schatten der Pinien liegen Menschen, schlafen. Ein Kind ruft: Guarda, guarda! und hält einen Pinienzapfen in der Hand.
Ich verschwende die Zeit. Und am Abend, auf dem weiten Platz vor dem Quirinal, der silbergrau wird und seltsam weit, wollte ich rufen: Guarda che bel tramonto! und auf die aufglänzenden Kuppeln zeigen, die schwarzen Schattenschluchten der Strassen und die Baumkronen, die wie Scherenschnitte vom Monte Mario und vom Gianicolo herüberwinken.
Ein Leben im Wahn. Meinetwegen, wenn der Wahn denn das Unbegreifliche ist und die Flut der Bilder, die mich besoffen herumfahren lässt, sobald Wind aufkommt, die Hitze nachlässt, das Leben erwacht, die Räder des Monopattinos nicht mehr am heissen Teer kleben. Immer wieder eine Innehalten. Immer wieder eine Rast an der Piazza Repubblica. Die Bar, in der ich am Vortag reflexartig bestellte, was ich dem Kellner vor zwei Jahren nur noch zu bestätigen hatte, ist zugesperrt. Es gibt heute diese leise Enttäuschung darüber nicht, dass der Reflex in der Leere verstummt, kein Wiedererkennen ist. Es gibt die renovierte Tadzio-Bar gegenüber, vornehm und leer. Da stehen die Kellner neben roten Teppichen und alles strömt die Grandezza des Reichtums. So wage ich denn kaum, in den geflochtenen Sessel auf der Terrasse gelehnt, nach meinem Schreibstift zu wühlen, geschweige denn ein Erfrischungstüchlein hervorzuklauben. So sitze ich in königlichen Schweiss gebadet da, nippe an meinem Caipirinha und dem sparkling water, bestellt als käme ich aus der Welt englischsprachiger Vornehmheit, und lasse die Zeit vorüberziehen. Römische Sonntagsverschwendung dort, wo Fellini oft gewesen sein muss – vielleicht nur ab und an, wer weiss das schon? – und Drinks an ihn erinnern: otto e mezzo, la dolce vita – natürlich – und Giulietta: Champagner mit einer Auster in Pernod. Leider mag ich Austern nicht wirklich. Man serviert mir Pistazien, Mandeln, Erdnüsse, Oliven, bringt immer wieder einen neuen Aschenbecher. Und alles ist so teuer, wie Cozze alla marinara, Brot, Verdure, eine ganze Flasche Weisswein und eine voll Wasser an der Via dei Falisci hinter meiner Wohnung – der Luxus zwischen Rappenspalterei und Prasserei hin und her zu taumeln, mit dem lachhaften Monopattino das Fahrgeld zu sparen, um danach direkt neben dem übervollen Mac Donalds alles für mich zu haben: Teppiche, Kellner in dunklen Anzügen, das Bild von Fellini mit seiner hochgeschobenen Brille vor meinem inneren Auge und natürlich Giulietta, immer wieder Giulietta, die ganz ohne Austern dasteht und hinauswinkt, auf die Strasse, das weite Land. Keine lästig und lieblos heruntergeklimperte Musik. Keine jammervoll quäkenden kleinen orangen Hunde, die einer ebenso kläglich mauenden Katze im Kleinstvormat nachlaufen, das Männchen machen, mit dem Schwanz wedeln, günstig zu erstehen sind. Keine Touristen. Dafür Autos und Busse, die von der Via Nazionale her auf den Platz einfallen und drüben, vor dem Bahnhof lärmen die Vögel in den Bäumen herum. Im Oktober werden sie auf- und einfliegen, in wirren und wieder geordneten Formationen gegen den Himmel aufsteigen, wie verbranntes Papier herunterfallen – schwarzes, schreiendes Punktgestöber.
Vor zwei Jahren sagte Maria, man wolle sie vertreiben. Sie sind noch da, und in meinem Wahn sind sie mir Begrüssung wie die verwaschene und versinterte Fassade über dem Caffè Marzio an der Piazza Santa Maria in Trastevere. Spuren des Regens, abgelöste Tünche, Flächenbilder der Zeit in allen Schattierungen ockergelber Farbe. Und fremd scheint mir daneben dieser glattsanierte Ziegelbau, der Palazzo Callisto, die Kardinalsresidenz, in deren Schatten die Restposten meiner eigenen Generation herumliegen, betteln. Auch sie sind noch da. Sie bleiben. Wo wollten sie hin? Rom lässt sie da, diese blonden Menschen aus dem Norden. Man kann sie nicht brauchen. Man hat sie nicht hergebeten. Ihr Traum von einem Leben ausserhalb hat das Gesicht seiner scheussliche Wirklichkeit – des Alters.
Da gibt es diese Frau, die auf mich lossteuert, erzählt, dass sie Geld erwarte, das Geld nicht gekommen sei. Nein, sie sei kein Sozialfall, schreit sie, als ich ihr eine Münze reiche, und verflucht mich. Das war vor zwei Jahren. Die Frau geistert noch immer durch Trastevere. Irgendwann in den Siebzigern muss sie abgereist sein aus Deutschland. Eine Künstlerin, eine Lebenssucherin, eine Träumerin – was weiss ich? Ich weiss nur, dass mich in Trastevere immer wieder diese Angst vor ihren Flüchen befällt, ihren zerbröckelten Zähnen, ihrer deutschen Sprache, ihrem Alter, das auch mein Alter ist.
Auch dahin bin ich heimgekommen. Die Geschichte der eigenen Generation klebt sich an. Es beruhigt nicht, wenn man sagt, dass das Leben so sei. Es tröstet nicht, dass es den Bäumen Wurst ist, wer in ihrem Schatten liegt.
In der Kirche wird über einer Hand voll Menschen die Messe verlesen. Das Mosaikgold glänzt. Die Schafe stehen hell im Licht. Und da läuft denn auch wie immer dieses alte Blättergirlandenband mit seinen Blumen über der Spolienreihe des Kirchenschiffs hinweg. Ich wollte es anders haben -– nicht aus dem Kreuz gewachsen, diesem verkehrten Baum, diesem Galgen des Todes. Aber es ist, wie es ist.
Ich fliehe über den Tiber zurück. Ich fliehe hinaus aus der Aurelianischen Stadtmauer nach San Lorenzo. Da führt ein alter Mann eine Frau an der Hand über die Strasse. Die Beine der Frau sind mit weissen Bandagen umwickelt. Sie geht trotzdem unsicher. Drüben, auf dem Spielplatz geht sie weit hinter ihm. Er steht still, klatscht in die Hände. Sie klatscht mit ihm. Ein Kind kommt gelaufen, stürzt sich in seine Arme, wird hochgehoben, in die Luft geworfen, aufgefangen. Die Frau klatscht weiter. Das Kind läuft weg.
Das Leben ist, wie es ist. Basta.