Das Meer, das Meer.

Immer wieder fahre ich ans Meer, immer wieder komme ich völlig versandet und versalzen zurück. Immer wirder ist mir, als ob nichts sei, das wie das Meer und die Grossstadt ein Alleinsein fühlen und zugleich ertragen lässt. La Repubblica meldet eine saubere Adria, blau und „al largo ritornano i delfini“, denn der Po schwemmt wegen der Dürre den Zivilisationsmüll nicht hinaus aus dem Land. Ich denke an ein Seeelefantenleben, an Stunden im Wasser, an Halbschlaf unter der Sonne. In Ostia blinken die kleinen Wellen, flunkern und blitzen hin und her. Auf dem grünblauen Wasser, das dunkel ist wie im Bodensee, schwimmen braune Partikel, Tiberkloakenreste oder so, und ich schwimme mit hochaufgerecktem Kopf hinaus, höre das Lachen der Kinder, das der Wind über die Wellen treibt, sehe die Menschen in Badekostümen, einzelne Damen mit einem Tuch um die Hüften geschlungen, im vorgezählten Takt auf einer Art auf den Sand gestellten Pier vor- und zurückgehen und wieder vor – uno, due tre – dann wenden, dann Cha-cha-cha-Schritt, dann zurück, dann wieder vorwärts, endlos. Die verstärkte Stimme eines jungen, Enzo heisst er auf dem Plakat, zählt und zählt weiter. Eine ältere Dame macht winzige Schritte und bleibt auch mit diesen hinter den Bewegungen der andern. Ein Herr reckt ohne zugehörigen Befehl die Arme gegen die Sonne. Es ist heiss, und man denkt: Was zum Teufel tut der Mensch in der prallen Sonne?
Aber Bewegung muss sein, zumindest hier in Rom. Man joggt. Ein junger Mann geht seltsam durch den kleinen Park neben der unter den Trajansthermenresten versunkenen Villa Aurea auf und ab: Ausfallschritt, Wippen, Ausfallschritt, Wippen, Ausfallschritt und so weiter und so fort – um den Bauch den Gürtel mit angehängtem Disc-Man. Und auch in Anzio versammeln sich Menschen zu Freiübungen im Gleichtakt, vollführen immer und immer wieder dieselben Arm- und Beinbewegungen, während Musik und Taktzählen bis ins Meer hinaus ertönen. Dann endet das Ganze. Und es steigt die Verwunderung darüber auf, dass niemand vom Hitzestau in den Sand geworfen daliegt, keine Ambulanz aufheult.
In Anzio ist das Meer klarer. Ein leichter Wind weht. Draussen segeln Optimisten und Katamarane vorbei, liegt ein Motorboot vor Anker. Ich liege auf diesem wundersamen Lettino unter dem Sonnenschirm, lese und stöbere ständig in meinem Wörterbuch. Was soll das heissen: Hinter, dietro, den Waldbränden die Ökomafia? Ist das eine politische Finte? Lese ich beim Vorbeigehen an der Zeitung auf einem anderen Liegestuhl Unsinn? Ich rätsle den Wörtern nach und dieser blödsinnigen Headline, liege auf dem Rücken im Meer, schaue hinaus, dorthin, wo das Wasser blau wird, schaue hinüber nach Nettuno, zur Altstadt, zu borgho, und zu diesem mächtigen Hochhaus, schaue zu den alten Villen von Anzio, der dunklen, abweisenden inmitten der Pinien, der hellen Zuckerbäcker-Architektur aus der Hochblüte der Vornehmheit hier, sehe die Nordafrikaner mit ihren schweren Taschen herumgehen, ein Badetuch mit prächtigen Tigern schwenkend, mit Bügeln, auf denen Nachthemden hin- und herwehen, winkend… Niemand kauft etwas. Die Afrikaner gehen trotzdem auf und ab. Noch immer wohnen sie am Hafen, unten, hinter dem Platz der Fischer. Ob sie sich das so vorgestellt haben, als sie herkamen aus Nord- und Westafrika? Vor zwei Jahren hat mich einer von ihnen beschimpft, weil ich ihm keinen Putzeimer oder –lappen abkaufen wollte. „Keine Chance für jemanden, der doch arbeitet!“ Mir ist, als müsste ich dieses riesige Tigerbadetuch kaufen und lasse es doch, stelle mich schlafend, während der Mann zum dritten Mal vorbeigeht.
Gegen Abend, in der Bar am Fischerhafen, schweift der Blick über die zerschlissenen schwarzen Fahnen der Setznetze weiter an denen vorbei, die sich an das Geländer lehnen, das Meer und sich selbst bewundern. Da steht neu in der Ecke ein nahezu schwarzer, glatt polierter Obelisk. Um ihn sind grobe aber ebenso geschliffene Steinblöcke verteilt. Ein Stoffprint gibt Auskunft. Der 20.
Januar 2004 als Gedenktag für „Sbarco“, die Landung der Allierten in Anzio als Beginn des faschistischen Endes. Das Denkmal könnte den Faschisten gefallen. Es erinnert an die Beleuchtungskörper auf der von ihnen zum Vatikan gebauten breiten Strasse für den pompösen Auftritt. Nur der Platz, der hätte ihr Missfallen erregt, so wie er da ganz am Rand gewählt wurde und von niemandem beachtet wird. Es gibt natürlich von diesem Ort her keinen Verweis auf San Lorenzo, das Arbeiter-, Armen- und Kommunistenviertel, das in dieser Zeit von den Befreiern bombardiert wurde, auch keinen auf die Via della Conciliatione und deren Mussolini-Formen, von denen eine vereinzelt in Anzio wieder auftaucht.
Delfine tauchen nicht auf.
Es ist Zeit, in die Stadt zurückzufahren, über das Land, an den gelb verdorrten Feldern vorbei, den Bäumen, den auftauchenden alten Aqaedukten, den Fabriken, den Mietskasernen, dem dunklen Minervatempel bei der Einfahrt in den Bahnhof Termini. Es ist der Tag der Maria, der Tag all dieser Kirchen, Santa Maria degli Angeli, von Michelangelo einfach in die Diokletiansthermen gebaut, Santa Maria in Aracoeli mit der Säule, durch die einst die Auguren Glück und Unglück kommen sahen, wie es heisst, Santa Maria del Popolo, um den bösen Geist Neros zu vertreiben erbaut und danach hinter dem Hinrichtungsplatz gelegen, Santa Maria di Loreto, Santa Maria dei Miracoli, Santa Maria della Pace, della Scala, in Via Lattina, della Vittoria… und Santa Maria Maggiore, wo im August Schnee gefallen sein soll, direkt neben dem Ort der alten römischen Gottesgebärerin Juno. Immer wieder setze ich mich ins Caffè Antico, den Blick zu dieser seltsamen Fassade mit den riesigen Figuren in der Loggia über dem Eingang, denke an all die bekleideten Engel da drin, an die vielen Verbotszeichen am Eingang und die Papsthüte allüberall, an die Souveniers in der Sakristei unter den abgeblätterten Evangelistensymbolen, an Maria in einem Glasgefäss, durch das künstlicher Schnee schwimmend herabregnet. Da gibt es all diese Wunderdinge: die Kassettendecke mit dem ersten Gold aus der von Kolumbus entdeckten Welt, Papst Pius IX riesenhaft und betend mit den Knien und den Unterarmen auf mächtigen Kissen aufliegend, vor ihm Krippenholz hinter Glas in einer schiffförmigen transparenten und mit Gold und Silber verzierten Art Suppenschüssel. Und es gibt ein einfaches Marienbild. Das ist mächtig umrahmt, wird von Engeln getragen, die zwischen Doppelsäulen aus einem blauen Marmorgrund hervortreten. Über allem ein gesprengter Rundgiebel mit übergrossen Engeln und drei kleinen, von denen der mittlere eine goldene Krone hält. Zwischen das kleine Marienbild und die Krone geschoben, schaufelt auf einem vergoldeten Relief der Papst Schnee. Alles Einfache ist hier im Pomp und Prunk überhöht und kein Engel steht nackt da. In den Seitenkapellen wischen alte Nonnen Staub, verteilen für das Marienfest weisse Töpfchen mit Kerbel und Mimosenblüten. Die scheinen winzig. Santa Marias Himmelfahrt wird wohl keinen Schnee bringen, wird auch nicht von einem Schnee schaufelnden Papst ausgegraben aus diesen Rahmen und Altären. Beim Blick zurück in die Kirche, scheint sie dann mit einem Mal klein – eine sehr hübsche Schachtel, in der alles glänzt und die Farben der Mosaike am Ende leuchten.
Im Caffè Antico nickt der Kellner, als ich wiederkomme. Ich mag ihn. Er redet nichts. Er erklärt der alten Amerikanerin, die das mitgebrachte Wasser aus ihrer Handtasche klaubt und auf den Tisch stellt nichts vom Alter der Kirche, nach dem sie fragt, sagt einfach aufs Geratewohl: very old. Er fragt nur, warum da vor dem Caffè dieses Loch gegraben sei. Neben dem Loch liegt gewöhnlicher Schutt, keine wundersamen Fundstücke, kein Schnee. Ich lache etwas blöd vor mich hin und denke an die zwackenden Teufel, die in den Tiefen hocken und an eine Maria, die auf ihrer Fahrt in die Höhe die Grube als Wegzeichen sieht, das Hinauffahren verfehlt.
Nachts, in San Lorenzo, ist es auf den Strassen ruhiger. Wie die Bande einer Radrennbahn leuchtet das Neonlicht des Denkmals für den 19. Juli 1943. Es ist ein Band mit allen Namen der hier getöteten Menschen. Manche heissen Olga, Claudia, Rosa, Clara… Kriegsopfer, Befreiungsopfer, Opfer der Säuberung dieser Welt von allen Dissidenten, zwangsläufig Mitgeopferte – Kollateralschäden nennt man das neuerdings. Elsa Morante beschreibt sie in „La Storia“: „…man hört nichts von ihnen, höchstens manchmal im Polizeibericht oder bei Unglücksfällen.“ Genaues kann man auf dem Denkmal nicht nachlesen. Der Romreiseführer für Anspruchsvolle erwähnt nichts. Hinter einer der zusammengefügten Tafeln steht ein Töpfchen – grüne Blätter in Cellophanpapier. Niemand geht herum und liest die Namen. Es ist nicht der Ort der Touristenansammlungen.
Es ist nicht die Zeit der belebten Strassen.
Die Via dei Falisci erinnert in nichts mehr an weiss gedeckte Tische, Muscheln und Weisswein. Aus dem Nachbarhaus dröhnt eine TV-Mordgeschichte herüber. Es ist definitiv Ferragosto, Zeit, täglich daheim zu arbeiten, dann unter Bäumen zu korrigieren, dann mit einer Gelati auf den kühlen Abendwind zu warten, mit dem kleinen Klapproller, dem Monopattino oder Trottinett, in die Dämmerung hineinzufahren… vielleicht doch einmal schon bei Sonnenaufgang loszuziehen, den Brunnen an der Piazza di Spagna ohne Menschen zu sehen – eine Barke, die hier Wasser überfliessen lässt, ein gestrandetes Boot…
Im Corriere della Sera lese ich Tage später wieder vom ecoterrorismo dietro gli incendi. Es handelt sich um das längst Bekannte. Wälder werden abgebrannt, um das Land für Bauten zurechtzubrennen. Zwar existiert seit einigen Jahren eine Katasterverordnung. Aber das ist vorläufig nur Papier – ebenso brennbar wie der Wald. So wird weiterhin für die Bauspekulation eingeäschert. Der ecoterrorismo ist ein Spekulationsterrorismus. Basta.

Ruth Erat