Der Corso und die Oasen

Der August geht langsam seinem Ende entgegen. Ich sitze nachts auf dem Celimontana, höre Jazzkonzerte, sehe im Park der Piazza Vittorio Filme, alles, was daheim verpasst wurde, Polansi, Kaurismäki. Es ist Festivalzeit. Einiges ist längst gewesen, zum Beispiel Jazz aus der Schweiz – ma esiste? – Irene Schweizer zum Beispiel, existiert natürlich sehr wohl, anderes wird bei Couscous, Wein und Wasser bis tief in die Nacht hinein gehört, eine Formation aus Wilna, Vilnius Jazz, hervorragend, präzis und experimentierfreudig mit einer wunderbaren Sängerin voll Energie und Humor, wenig angesehen hier und deshalb extra günstig. Die Preise wechseln von Nacht zu Nacht. Mir erscheint das gänzlich unangebracht. Berühmtheiten müssen nicht zwingend besser spielen als jene, die man nicht kennt und wahrscheinlich günstig einkauft. Aber es ist wunderbar. Oben, über dem Kolosseum auf dem Celio zu sitzen, die Pinien um sich, die Tische mit den Kerzen, die einzelnen beleuchteten Fragmente im Park. Und es entschädigt für die grauenhafte und noch viel schlimmer zu erwartende Strassenmusikdudlerei, dieses Roma und Amore und Che sera sera, das lieblos heruntergeschlagen, -gefingert, -gegeigt wird, um danach gleich eine Spende zu verlangen. Tagsüber oder gegen Abend kehre ich immer wieder zum Corso zurück. Immer wieder taucht man da vom Quirinal, vom Pincio oder vom Esquilin oder Kapitol her hinunter und hinein in diese Strasse zwischen der grossen, runden Piazza del Popolo und der Piazza Venezia. Immer wieder stürzt man hinein in diese Meile zwischen der Porta del Popolo im Norden, auf der Papst Alexander II gesegneten und glücklichen Eingang wünscht, dem Platz, der mit seinem Brunnen, dem Obelisk und den Zwillingskirchen so einheitlich aussieht und doch erst im Verlaufe der Jahrhunderte ihre Form gefunden hat, und der andern Piazza, hinter deren alter Fassade des Palazzo Venezia der kaum entstandene italienische Staat sein übermächtiges und weisses Denkmal direkt vor und über das Kapitol gewuchtet hat, diese halbe, natürlich innen hohle Torte obenauf die doppelte Quadriga vor Riesenengeln. Mit der Inschrift im speziell für den Einzug der schwedischen Königin Christina ins katholische Zentrum erstellten Tors in der Stadtmauer wollte Alexander VII. im 17. Jahrhundert einen besonderen Triumph über alles Nichtpapistische feiern, mit dem übermässig grossen Denkmal für Vittorio Emanuele II, dem Altar des Vaterlandes, der neue Staat seine Vereinigung von 1866 und 1870 demonstrieren. Die schwedische Konigin, obgleich zur Katholikin geworden, benahm sich im Palazzo Farnese nicht gemäss päpstlichen Vorstellungen, redete, wie es sich nicht gehörte, feierte ebenso, wie es heisst. Details fehlen in den Beschreibungen. Und das Nationaldenkmal auf der anderen Seite, sorgfältig bewacht und mit der ewigen Flamme versehen, kam Mussolini nicht ungelegen für seine über 80 Prozent der Ausgrabungen der Kaiserforen gepflasterte Via dei Imperiali, die Strasse grosser Aufmärsche bis hin unter den Balkon des Palazzo Venezia – dem perfekten Ort grossherrlicher Machtübernahmeverkündigung.
Dahin schauen aber die Menschen auf dem Corso nicht. Sie gehen. Sie blicken in die Schaufenster mit den Turnschuhen, Sonnebrillen, Jeans, sehen das neue Disel-Konzept: Heuballen, Strohhaufen, Mistgabeln. Sie gehen auf und ab. Selbst in der drückendsten Hitze stauen sie sich auf dem Weg. Manchmal ist die Strasse verkehrsfrei. Manchmal fahren Autos und Motorräder mit dem Strom mit. Und alles ist, als wäre da noch immer dieses Wettkampfrasen angesagt. Tag und Nacht scheinen die alten Fasnachtspreisläufe ihre Auferstehung zu feiern, oft gerade der beliebteste Bewerb in vollem Gang zu sein, jener der reiterlosen Pferde, für den die Juden den Hauptpreis zu bezahlen hatten, um dafür vom nackten und verlachten Laufen befreit zu werden. Immerhin ging es dabei um kostbaren Stoff. Und der lockt in den Auslagen noch immer, wenn auch erst die Seitenstrassen den wirklichen Luxus bringen. So fahre auch ich mit meinem Klapproller hinauf und hinunter, sehe Lederjacken, die ersten Pelzkragen, Strickwaren, Stiefel, Sandaletten, weiche den Gruppen aus, den parkierten Wagen, den Bettlern, die hier ihre beschädigten Beine vorzeigen, ein uninterpretierbares Röntgenbild oder eine Kartontafel mit den Wörtern zur Armut, zu den Kindern oder Geschwistern. Manche Verletzungen sehen grauenvoll aus. Auch den Tafeln kann man vielleicht glauben. Und dass auch hier Arbeit fehlt, ist bekannt. Das katholische Gnadensystem mit seinen Almosen möchte einem aber auch widerwärtig erscheinen. Da kniet eine junge Frau. Ihr Gesicht zeigt nichts als das Leiden. Stunde um Stunde geschieht da sonst nichts. Für eine Spende ist selten zu danken. Und man denkt an die Würde des Menschen und an die Mildtätigkeit, die dieser ins Gesicht schlägt. Dass man durch solches Scudi-Verteilen in einen Himmel kommt, daran glaubt eh niemand mehr. Immer wieder laufe und rolle ich in diese Rennbahn, fliehe ich wieder aus diesen Umzug. Immerhin habe ich in einer Seitengasse längst die schönsten Schuhe der Stadt gesehen. Sie sind so teuer, dass man sie nicht kaufen kann. Sie sind so wundersam hingestellt und ihr Rot so verlockend, dass alles andere nicht gekauft werden kann. So habe ich Zeit, herumzusitzen, abzuzweigen in diese kleinen und grösseren Oasen, zur Piazza San Lorenzo in Lucina gleich beim Corso. Da sitzt man vor der Kirche bei den kleinen Löwen und den Eingangssäulen. Einer beschützt, einer wehrt sich. Da kann man Stunden vor dem "Vitti" verbringen, seinen Apéro trinken, sehen, wie der Himmel langsam in sein Herbstblau taucht, in diese samtene Farbe, wie die Fassaden in zunehmend wärmeren Farben schimmern, noch nicht gesehene Details bemerken – ein Hochzeitskleid in einem Fenster, eine Art Hüttenaufbau auf einem Haus, die Tränensäcke des Chef de Service.Auch hinter dem Kolosseum ist ein solcher Ort direkt neben dem grossen Touristenauflauf. Da sitzt man unter den Bäumen, liest vor sich hin, korrigiert Geschriebenes, zeichnet ein Stück Trajansthermenrelikt, eine der Amphoren, die um das Brunnenbassin gestellt sind, sieht eine Gruppe Frauen mit lang über Brust und Rücken fallenden Kopftüchern, schaut der einen zu, die Karton auf der Wiese auslegt, sich niederkniet, aufsteht, sich verbeugt, wieder niederkniet, wieder aufgerichtet steht, die Hände hebt – alles unter der Aufsicht eines bärtigen Manns, der am Ende an derselben Stelle kniet, die Stirn zum Boden neigt, aufsteht..., während die andern Frauen um den Brunnen versammelt zuschauen, auch nach seinem Gebet nicht niederknien. Und man denkt an die Frau im gänzlich schwarzen Muslim-Habitus, die an der Via Veneto mit zwei Kindern aus einem der besonders teuren Geschäfte für Damenmode kam, in der Hand eine Design-Papiertasche. Nach und nach werden mir aber der kleine Platz an der Via Tiburtina im San-Lorenzo-Gebiet, die Piazza Caduti, der Park in der Mitte der Piazza Vittorio, wo in halb mondänen Bauten der Bell Epoque Menschen aus Nordafrika, China und Indien leben, die liebsten. Da gibt es neben kleinsten Karussellen für Kinder, Plastikstühle und Bänke. Da sitzen Italienerinnen, lesen die Zeitung, sitzen Männer, schauen vor sich hin, reden dann und wann miteinander. Es gibt keine Besonderheit zu vermelden von da. Es sind nur eben die Leute, die hier ihre Zeit hinbringen. Nachts leuchtet seit einem Jahr auf der Piazza Cadutti ein Streif wie die Bande einer Radrennbahn: Neonlicht als Denkmals für den 19. Juli 1943. Es ist ein Band mit allen Namen der hier getöteten Menschen. Manche heissen Olga, Claudia, Rosa, Clara, Elena, Elisabetta... Kriegsopfer, Befreiungsopfer, Opfer der Säuberung dieser Welt von allen Dissidenten, zwangsläufig Mitgeopferte – Kollateralschäden nennt man das neuerdings. Elsa Morante beschreibt sie in "La Storia": "...man hört nichts von ihnen, höchstens manchmal im Polizeibericht oder bei Unglücksfällen." Genaues kann man auf dem Denkmal nicht nachlesen. Der Romreiseführer für Anspruchsvolle erwähnt nichts. Hinter einer der zusammengefügten Tafeln steht ein Töpfchen – grüne Blätter in Cellophanpapier. Niemand geht herum und liest die Namen. Es ist nicht der Ort der Touristenansammlungen. Es ist der Ort, die Zeitung zu lesen, zu sehen, wie Berlusconi entschlossen sagt, die Fussball B-Liga werde auf 24 aufgestockt, es sei beschlossen und ein Abgeordneter sagt, dass es sei wie in den Zeiten Mussolinis. Ich weiss nicht recht, worum es hier geht. Es scheint, im Palazzo Chigi würde nur über Calcio diskutiert – Fussball als Staatsaffäre. Wahrscheinlich sollte man sich kümmern. Wahrscheinlich liegt darin der politische Gradmesser verborgen. Aber das Wörterbuch hilft nichts. Es übersetzt nur die Wörter. Es sagt nicht, worum es geht. Im Corriere della Sera lese ich wieder vom ecoterrorismo dietro gli incendi. Das ist plötzlich verständlich. Es handelt sich um das längst Bekannte. Wälder werden abgebrannt, um das Land für Bauten zurechtzubrennen. Zwar existiert seit einigen Jahren eine Katasterverordnung. Aber das ist vorläufig nur Papier – ebenso brennbar wie der Wald. So wird weiterhin für die Bauspekulation eingeäschert. Der ecoterrorismo ist ein Spekulationsterrorismus. Basta. Man sollte es als das bezeichnen, was es ist. Und als ob all die Toten der Terroranschläge und dieser verbrannte Wald nicht genügten, gibt es da noch diese Geschichte vom Park der Villa Borghese. Jugendlich haben gemäss Bericht Bänke zerstört, Büsten von Sockeln gestossen, alles mit Sprayspuren verwüstet. Ich mochte ja diese rot umgefärbte Fahne am Rand des Corso Vittorio Emanuele, die ein Junge trägt, ratlos, wie mir scheint, während seine Mutter in ihrem steinernen Buch liest. Und die Säuberung schien mir da unnötig. Aber dass die Travertin- und Holzbänke nur noch Trümmer sind, das stimmt traurig, und ich mag mich nicht entschliessen, wieder dahinzugehen, im Schatten zu sitzen, vor mich hin zu arbeiten, darüber nachzudenken, ob man das verstehen will. Natürlich geht man am Ende doch hin. Ich habe zu lange nichts geschrieben – so wurde die Mailnachricht ein unendliches Berichten. Und doch fehlt die Hälfte, zum Beispiel jene über die Ausstellungen... vielleicht später, ich suche eine Oase für das Korrigieren meiner Texte oder Wegwerfartikel. Die Entsorgung ist hier ja einfach: Es gibt überall die Container für den Abfall.

Ruth