Gewohnheiten und so weiter

Nach und nach lebe ich hier in der Welt der Gewohnheiten. Langsam tauchen sie vor mir auf: Der kleine Mann mit der zu kurzen Hose, der täglich in der Bar an der Piazza del Repubblica erscheint, nichts trinkt, einen Stumpen raucht, gestikulierend mit einem andern spricht, dessen Haar rötlich gefärbt ist, danach mit seiner Vespa wegfärt. Der Mann, der nach sechs Uhr im Caffè Antico bei Santa Maria Maggiore seinen Espresso trinkt, über den Rand seiner riesigen Brille rundherum dem Boden nach schaut, nichts sagt, eine nächste Zeitung aus der Mappe zieht, vor sich auf den Tisch legt. Meine Gewohnheiten, die nach und nach dazu führen, dass mir der Kellner sagt: Wenn die Sonne geht, bekomme ich Depressionen..., oder dass mir das Mädchen an der Porta Tiburtina zuruft, sie sei die Schwester, dass ich doch den Bruder kenne. Es ist jener Knabe, der hier mit seiner Familie versucht, wenn die Ampel auf Rot steht, die Autoscheiben zu waschen. Täglich sagt er, ich, "la signora", sei doch zu gross für das Monopattino, ich solle es ihm geben, ihm vielleicht demnächst eines bringen. Ich lache und sage, dass ich nicht grösser sei als er, dass ich allenfalls zu alt sei für dieses Trottinett. Manchmal gebe ich ihm sonst etwas, sage: A domani. Dann lacht er, und man sieht seine Silberzähne. La signora kommt und geht. Und man weiss, sie will Aqua frizzante, den Caffè als Espresso, am Abend einen Campari soda. Es ist Alltag. Es ist wunderbar. Man grüsst Bekannte. Das Licht hat in seine Septemberfarben gewechselt. Der Himmel ist sehr blau. Die Schatten bauen eine Welt der plastischen Formen. Es gibt dunkleres und silberner schimmerndes Grün als zuvor. Im Park der Villa Borghese steigt immer wieder ein grosser blauer Ballon auf, sitzen vor der Casina del Lago neben der gelangweilten Frau neu zwei Kellner in Livrée.
Auf der Brücke über die Autostrasse üben Jugendliche in kunstvoller Form um in eine Reihe gestellte Plastikkegel zu fahren. Eine nicht mehr sehr junge Frau rollt immer wieder um solche mit schwarzen Punkten. Sie fährt langsamer als alle. Sie kommt mit einem Rucksack. Auf das kurze Rohrstück springt sie nicht. Wenn sie auf der Strasse weiterfährt, sieht man, dass ihre Bewegungen zu kurz sind, und es beginnt zu reuen, dass die eigenen Roller-Skates zu Hause sind. Von den Zerstörungen im Park sehe ich nichts. Wer weiss, vielleicht hatte diese oder jene Büste davor keinen aufgemalten Schnauzbart, vielleicht waren da auch nicht so viele ohne Kopf, vielleicht war diese Bank oder jene besser im Stande, vielleicht gehe ich gewohnheitsmässig falsche Wege.
Vor der Villa Medici rinnt seit Tagen Wasser aus dem Boden. Eine Abschrankung mit der Tafel für Bauarbeiten und ein Carabinieri, der sich an seinen Fiat Punto lehnt, bewachen den kleinen Bach. Es ist täglich das gleiche Bild.
Dann ändert sich alles, und eine Dame, blondiert und mit Perlenkette fragt mich, die ich dasitze und mir etwas notiere, wie man einen populären Roman schreibe. Ich sage Dinge, die sie nicht versteht. Sie bleibt neben mir in der prallen Sonne stehen, bewegt den Mund, dann zuckt sie die Achseln, geht, zieht den Rocksaum ihres orangefarbenen Kleids im Staub nach, pendelt von einer Seite zur andern, hockt sich weiter unten, bei der Kirche Trinità die Monti, neben den Verkaufswagen für Gelati, Panini und kalte Getränke, kramt in ihrer Tasche, öffnet eine jener Geldbörsen für eine Unzahl Kreditkarten. Sie scheint kein Geld zu finden. Der Verkäufer stellt die Büchse zurück in den Kühler. Sie setzt sich in den Schatten, tippt auf einem Handy herum. Bis mir einfällt, ihr ein Mineralwasser zu kaufen, weil die Dame vielleicht doch nur einfach dehydriert sein könnte, ist sie auf ihrem schwankenden Weg die Spanische Treppe hinunter verschwunden. Ich stehe oben, schaue auf den Barkenbrunen. Da sind die vielen Menschen gelbe, rote, weisse und schwarze Punkte, orange sehe ich keine. Ich habe ständig Hunger, so als käme ein Winter. Und in der Tat ist der nächste Tag ein trüber Tag und ein Tag voll Lärm. Die Autos hupen. Immer neu heult die Ambulanz. Vor San Vincenzo e Anastasio beim Trevi-Brunnen, wo die inneren Organe von etwa dreissig Päpsten verwahrt sind, ist ein Strassenhändler einfach unzufrieden mit meinem Satz zum nicht benötigten Silberschmuck. Und schon wieder hat die fünfhundert Jahre alte Apotheke, in der ein Einhornkopf – viellicht von Benvenuto Cellini – besichtigt werden kann, geschlossen. Wieder kann ich keine Salbe gegen Mückenstiche kaufen. Und wieder scheint mir, als hockte solches Getier in den Kirchen, steche mich in Santa Prassede, wo eine hässliche Plastik dieser Heiligen das schauderbare Geschäft des Märtyrerblutsammelns zeigt, steche mich in Santa Maria sopra Minerva, wo die schlimmsten Inquisitoren ihr Denkmal haben. Manchmal fallen Regentropfen. Es ist Zeit, zum Denkmal für Aldo Moro zu gehen. Da sind höchstens einige Menschen aus der Gegend zwischen dem Largo Argentino und dem alten Ghetto auf ihrem alltäglichen Weg, und mir bleibt Zeit, mich in eine ordentliche Polit-Verbiesterung zu stürzen. Der Weg am Nationaldenkmal vorbei passt. Immerhin fand hier 1969 das neofaschistische, teilweise von der Regierung gedeckte, Attentat statt, das man dann der Roten Brigade anlastete. Und die Via Caetani, einige hundert Meter weiter, ist entsprechend abweisend, das Portrait von Aldo Moro betulich, passend zu einem, den man allen Indizien nach einfach nicht retten wollte, den Kissinger in Amerika auch nicht empfangen wollte, weil er versucht hatte, mit Berlinguer, dem Eurokommunisten, eine Möglichkeit der Zusammenarbeit zu finden. Das war wahrscheinlich auch für Andreottis Karriere günstig. So suchte man ihn denn mit lauten Sirenen in den Strassen und für das Fernsehen mit grossem Militäraufgebot in einem entlegenen Dorf und mit Tauchern unter dem Eis, fand ihn dann tot in einem Auto in dieser Strasse.
Heute kommt gar niemand hier vorbei. Ich gehe weiter. Der Palzzo Cenci, wo Beatrice zusammen mit ihrem Bruder den Vater, der sie einschloss und quälte, umbrachte, ist abweisend wie immer, der Schildkrötenbrunnen ist schorfiger denn je. Aber da ist noch immer dieses Teehaus mit seinen leuchtend roten, gelben, blauen Plüschsesseln, mit seinem halbindischen Interieur, mit den Hockern, auf die man sich draussen einfach wie auf eine Parkbank hinsetzt. Und in der Via Reginella im Ghetto liegen noch immer dieselben Dinge im Schaufenster: Maos rotes Büchlein, ein Man-Ray-Imitations-Metronom, uralte kleine Büchlein, eine Mickey-Mouse-Figur, drinnen alte Bücher, Zeitungen, Fotografien, Zeichnungen, Grafiken, Marilyn Monroe, aus einem alten Heft herausgetrennt und gerahmt, eine Einladung für eine Lesung aus einer längst vergangenen Zeit, hölzerne Kugel-, Pyramiden- und Kegelformen, Nutzlosigkeiten aller Art wie gemusterte kleiner Linolschnittplättchen, ein Stuhl, besetzt mit einem orange bemalten Stein: "occupato" – eine Fundgrube... Zurück im San-Lorenzo-Quartier ist Ferragosto vorbei. Es duftet schon in der Via dei Falisci nach frisch gebackenem Brotteig. Die Pizzeria Formula uno hat wieder geöffnet. Die Via degli Equi ist erwacht. Alles ist zurück: Das Stimmengewirr, die Kinder, Frauen, Familien, Paare, Senna, der auf einem grossen Ferrari-Plakat den Arm hebt. Es donnert. Manchmal zucken Blitze. Ich sitze im Wind, esse meine Pizza Melanzane, trinke den ersten Rotwein, gehe durch den Regen, denke daran, wie in Santa Prassede die Mosaike leuchten, im Hof dahinter alles ruhig ist, in Santa Maria sopra Minerva die Juden, die Kriegsdienstverweigerer und Dissidenten oben im Dach versteckt wurden, erinnere mich daran, dass ich doch demnächst früh am Morgen durch Rom fahren wollte. Die Wecker der Nachbarwohnungen werden mich bestimmt aus dem Schlaf holen.
Ruth