Global village und Palatin

Zwischen Tiber und Monte Testaccio steht eine alte Fabrikliegenschaft, niedrig, mit Eingangsbau, hinter dem auch ein Park liegen könnte. Da ist auf die Fassade ein Berg gemalt und mit dem Wort „Ararat“ beschriftet. Da wehen oben rote Fahnen. Da kommt man in eine Art autonomes Dorf: im weiten Hof liegen am Wegrand Berge von Flaschen, und man denkt an den Monte Testaccio, den Scherbenberg, den kleinen, mit Sträuchern bewachsenen Hügel im Hintergrund, der aus Abfall und Gebäuderesten entstanden ist. Es ist, als fände man da, am Wegrand, den gläsernen Berg der Märchen in seiner Vor-Glas-Recycling-Form und dahinter die halbwegs missratenen Phantasiepavillons einer Welt zwischen Froschkönig und Good by Lenin. Daneben wohnen die Zigeuner in ihren Wohnwagen bei ihren sorgfältig gespannten Wäscheleinen. Es ist still hier, und man kommt zu einem Kieselsteinplatz, da stehen weisse Plastiksessel, und zu einer sehr grünen Wiese, da sprengt ein Afrikaner den Rasen, streunt eine Hündin mit überlangen Zitzen herum, läuft ein schwarzes Pferd an einer Leine. Wenn der Blick zurückschweift, zum Pferd, zum Hund, über die Fahnen hinweg zum Monte Testaccio, wähnt man sich weit weg auf dem Land. Kein Lärm. Die Sirenen der Ambulanz und der Polizei wie hinter einer Wand.
In den Räumen des Querbaus am Ende proben freie Theatergruppen. Violettas „sans filtre“ bewegen sich zu den Klängen von Marios Geige, setzen in den verschiedensten Formen Beziehungsgeschichten in Gang, sitzen in einem Eisenbahnabteil aus Plastikstühlen. Sie beklauen sich. Sie wissen nicht, was sie da tun, wenn einer, dem man etwas nimmt, einem andern, der etwas hat, seine Puppe, sein Feuerzeug, seinen Stift, sein Notizheft stiehlt. Die Improvisation misslingt. Niemand kommt auf die Idee, dass der Mensch einer ist, der sich über seinen Besitz definiert, durch den Verlust einer Sache sein eigenes Selbstbild verliert, mit dem neu geklauten Ding, das er sich zu eigen macht, neu eine Person wird. Ich muss schön still dasitzen und werde unruhig, möchte ständig etwas sagen, muss das auf den nächsten Morgen verschieben, wenn ich mit Violetta allein bin. Die Gruppe redet lange. Erklärt ist mit dem französisch Parlieren, das Fabienne für den Peruaner auf Spanisch übersetzt, gar nichts. Roberto, der als Basler Stadttheater-Schauspieler zu recht unzufrieden ist mit der Improvisation, spricht aus Prinzip oder Gewohnheit sein Bühnendeutsch. Und Andrew schaut seltsam, als er in der Pause mit mir seine alte St. Galler Sprache verwendet.
Es ist alles wie in diesen Improvisationskursen bei Jean-Martin Moncéro, dem ehemaligen Leiter der Dimitri-Schule in Vercio, nur weniger komfortabel als in Tognano, wo wir alle möglichen Improviasationsszenen immer und immer wieder durchgespielt und besprochen haben, Gäste von Robi und Lisli Schläpfer waren. Aber Violetta ist nicht Jean-Martin. Und so ist niemand über sein eigenes Unvermögen traurig. Mir ist, als wäre ich in eine längst vergangene Zeit zurückgetaucht – auch am nächsten Abend bei der kleinen Aufführung, zu der ich mit Lukas und Nina etwas verspätet auftauche, dann doch zu früh da bin, weil dies und das noch fehlt, der Strom immer wieder ausfällt. Ich sehe alte Bekannte, Claudia Fritschi, die seit fünf Jahren an der Schweizerschule unterrichtet, höre, dass Martin Saxer in Russland einen Film über Ärzte aus dem Tibet, die da ihre Heilkunst vermittelten, realisiert. Es ist alles wunderbar und ärgerlich. Man kann sitzen und lange reden. Man könnte noch diese und jene Vorführung sehen, ein Konzert hören. Der ständige Stromausfall zwingt zu Klangimprovisationen. Die Toilette ist dermassen verdreckt, dass einem ein abgrundtiefes Grausen über den menschlichen Unrat befällt. Und im nächsten Hof bin ich überrascht, dass hier der 20. September, der Tag der italienischen Einheit, als Multi-Kulti-Jahrmarkt gefeiert wird. Ich habe nur Pomp auf der Piazza Venezia und Gleichgültigkeit in allen Strassen erwartet. Auf dem Bahnhof Termini wird das Ganze dann elend. Da dröhnt eine laute Musik durch den Nebel des Bühnenrauchs, stehen und sitzen die Menschen und starren mit hohlen Augen zur Bühne oder auf das Pflaster. Depression im ewig gleichen Taktgedröhne ohne jede Melodie.
Was tun die Menschen hier? Worauf warten sie? Wozu, um alles in der Welt dieser Lärm, dieses Licht, das ständig in roten Streifen aufzuckt? Selbst die Bahnhofshalle zittert im Schlag der überlauten Perkussion. Am nächsten Tag gehe ich mit Nina und Lukas, meinem Sohn und seiner Freundin, über den Esquilin zum Coppio, hinein in den kleinen Park, wo die Reste der Trajansthermen über Neros Villa Aurea im Sonnenlicht rot schimmern, das helle Kolosseum mit sinen dunklen Maueröffnungen hinter den Bäumen auftaucht, die Bougainville violett-rot blüht, bin glücklich, dass sie dieses stille Plätzchen geniessen, den Schatten der Pinien und Akazien. Über das Forum Romanum führt unser Weg hinauf auf den Palatin, auf den alten Kaisersitz, steigen wir über die Grundfesten der Paläste, die nach Statius selbst den Neid Jupiters erweckt haben sollen, Herrscher in Angst und Pracht lebten, Caligula in prunkvollen Frauengewändern spazierte und zum Capitol eine Brücke für sein Plaudern mit Jupiter bauen liess, Claudius Wein nachzuschenken befahl, nachdem man ihm gesagt hatte, dass Messalina, seine dritte Frau, die auf dem Pincio im ehemaligen Lukullus-Palast ihre Orgien feierte, auf seinen Befehl hin getötet worden war, weil sie sich nicht selbst umbringen wollte. Er selbst ass etwas später da oben ein Giftpilzgericht, das ihm Agrippina, seine vierte Frau, gekocht hatte, damit Nero, ihr Sohn, auf den Thron kam.
Es ist hier trotz dieser grauenvollen Geschichte wunderbar, halbwegs menschenleer, weil ein blödsinniger Mehrfacheintritt, der auch für das Kolosseum nutzbar wäre, zu bezahlen ist. Man geht durch ein „Disabitato“, ein durch die Zerstörung der Aquaedukte unbewohntes Hügelgebiet, sitzt neben Säulenresten, sieht durch alte Fensterlöcher den Himmel. Da und dort blüht ein Oleander. Mich befällt die kitschige Muttererinnerung an die Zeit, in der wir mit Lukas nach Augst fuhren und von Anzio her zum Forum Romanum. Das mittlerweile erwachsene Kind bewundert diese Säulen, die Ziegeltechnik, die Ausmasse, Formen und Schriftzeichen noch immer, spottet über mein Nichtwissen der genauen Baudaten und sagt, dass das wohl ein Werk der ersten Menschen sei… So schlendern wir herum, füttern einen vielfarbenen Hund mit kleinen Proviantbrocken, und ich freue mich, dass die Muster der Pinienrinden wunderschön genannt werden. Dann fahren sie wieder, und ich stehe auf dem Bahnhof herum.
In meiner Wohnung hängt der Küchenduft einer fremden Wohnung. Ich lege Bresaolo in einen Teller, darüber Fenchelstreifen, einen mir unbekannten Schnittsalat und dünne Peccorino-Streifen, begiesse alles mit Balsamico und Olivenöl, streue Meersalz und frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer aus diesem wundersamen Ding mit eingebautem Mahlwerk darüber, während die ungiftigen Pilze in ihrer Portwein-Rahm-Petersilien-Sauce noch etwas vor sich hin köcheln – wollte tatsächlich nicht, dass mir jemand dieses Pfefferding stiehlt.
Langsam wird die Wohnung zum bekannten Herbstgericht-Zuhause, decken die Gerüche meiner Kocherfindungen aus der San-Lorenzo-Zeit vor zwei Jahren den Sommer zu, und die Badewanne ist wieder der Ort der Wärme. Demnächst kommt der Oktober.

Ruth