Die Schweiz und der Weg auf den Gianicolo

Wie ist das, wenn man von Rom kommt, kurz in die Schweiz fährt, demnächst wieder abreist. Was war das?
Vorlesen. Mit Wahlzetteln winken. Rechnungen bezahlen. In Wörtern und Sätzen immer wieder hinauf auf den Ringelspitz und den Piz Sardona…in Rorschach eine seltsam ausgestorbene Schule, das Lehrerzimmer noch am Nachmittag verschlossen, in der Mensa unglaublich beschäftigte Kolleginnen und Kollegen, zwei vereinsamte Kindergartenseminaristinnen, ein Student, der sich langweilt…– auch liebe Freundinnen und Freunde tauchen auf.
Tage in der Schweiz. Tage in diesem Grün. Regentage und danach ein sonniger Frühherbst. Kalter Wind, der über den Bodensee wehte. Schatten. – Da waren auch liebe Menschen, natürlich, Freundinnen, Freunde, Pablos Kochkunst…
Und dann liegen Bern und St. Gallen, Rorschach, Arbon, Rheineck und Sargans mit einem Mal wieder weit weg. Auf dem Weg zurück diese Schweiz: Das Sittertobel tief unter der Brücke, der Gübsensee liegt still da. Kuhwege, Blackenhänge, Birnbäume im Tau des frühen Tags. Menschen, die zur Arbeit fahren und Menschen, in Wanderkleider steigen in den Zug. Vor dem Alpstein steigt ein Ballon auf. Draussen zieht eine geordnete Welt vorbei. Für die Olma wird mit vakuumierten Bratwürsten geworben, weisse Zipfel, in die niemand beissen möchte. In Degersheim fällt der Blick wie immer auf diesen seltsam hochgezogenen Kirchturm und auf den andern mit seiner barocken Haube. Da gibt es auch eine glänzend polierte Lokomotive aus der Zeit der Dampfmaschinen. Alles erinnert an die Landschaft einer Modelleisenbahn. Die Strassen sind leer. Vor einem Bauernhaus glänzt ein roter Kombi in der Sonne. In Wattwil gibt es Fahrräder, die sind in einen Metallverschlag gesperrt und andere, die stehen aufgereiht unter einem Dach. Die grauen, sorgfältig in Faltenreihen gebügelten Vorhänge der Südostbahn zittern in der leicht schwankenden Bewegung des Zugs, pendeln in seinen ruckartigen Stössen hin und her. Man fährt über Land. Immer tauchen neue Hügel auf, dahinter Berge. Überall liegen dieselben Plastikballen voll Gras auf den Wiesen. Überall scheinen die Einfamilienhäuschen neu.
In Rapperswil schwimmt eine Unmenge Haubensteissfüsse im See. Man weiss, dass man auf der anderen Seite des Zürichsees durch ein Steuerparadies fährt. Alles sieht aus wie renoviert oder eben erst gebaut. Auf der Landstrasse joggen zwei Frauen. Sonst ist da niemand.
Dann taucht diese weiche, schimmernde Hochmoorwelt auf, rötliche Halme, ockergelbe und grüne Flecken, Rothenturm, der Grund, immer wieder diesen Weg nach Arth-Goldau zu nehmen, später die Mythen zu sehen, den Drusberg, den Fronalpstock. Unter dem Rossberg, wo der Felssturz niederging, heisst es Ecce Homo. Das kann man auf dem in das Tischchen im Abteil eingelassenen Plan lesen. Das sieht man nicht, wenn man aus dem Fester blickt. Da sind nur diese Felsbrocken.
Endlich, im Zug nach Chiasso und Mailand, italienische Sätze aus dem Lautsprecher. Ich hocke in diesen altmodischen goldgelben Plüschsitzen aus einer Zeit, da man noch dick war, Platz haben konnte, sehe hinaus zu einem von der Sonne blass gefärbten Mond. Ein Flugzeug fährt auf ihn zu, während im Talboden die Reste einer alten Armut stehen, Häuser mit leeren Fensterlöchern im Schatten. Geröllkegel tauchen auf und in einer Runse umgeworfene Bäume. Wie zum Trotz steht das Kirchlein von Wassen in der Sonne, taucht auf, verschwindet wieder, taucht auf etc. etc., alles, wie man das in der Schule gelernt hat: Erstens, der Felssturz von Goldau, zweitens, die Gotthardkehren um und über das Kirchlein von Wassen hinaus. Schulklassen, die hier die anbefohlene Zählung leisten, sind keine da, gibt es wohl nicht mehr.
Der Bahnhof von Göschenen wie immer im Schatten, der von Airolo in der Sonne. In Lugano Windstille und alles im Dunst. Der Generoso ist ein ferner Riesenbrocken… In Mendrisio steht wieder eine alte, schön geputzte Lokomotive auf dem Geleise. Die Schweiz scheint ein Nostalgieeisenbahnland. Ich freue mich über die Grenze zu kommen, den Comersee zu sehen, verfalle vor Mailand der Seltsamkeit, den Unrat neben dem Geleise zu begrüssen, die Plastiksäcke, die Papiere, diese Fetzenwelt an trockenen Grashalmen, sitze, als wäre ich heimgekehrt, in der Gran Bar des Bahnhofs in der Cola-, Plastiksessel- und Lüstertristess. Rom ist nicht weit, Rom liegt hinter der Wohnblock-, Fabriken-, Felder- und Dunstglockenebene, wo man nicht weiss, was die Menschen in diesen Häusern tun, wohin sie gehen, wenn sie niemand zum nächsten Autogrill fährt. Rom liegt hinter den Bauerngehöften aus der Zeit von „Riso amaro“, hinter den Tunnels, kommt näher während der Himmel der Toskana sehr blau schimmert, Hügeln von Umbrien in den Farben der Erde vorbeiziehen, alte Städte wie hochgeschobene Burgen auftauchen und verschwinden…
Die Briefe- und Tagebucheintragungen über Rom von Fanny Mendelssohn sind gelesen. Altweibersommer als das eigene Leben in Rom. Dabei war sie nur wenig über Dreissig, damals. Ich mag, was sie schreibt, wie sie über diese Winckelmann-Feier mit langweiligen Reden spottet, wie sie den Karneval schildert, bei dem man sich noch mit Gips und Blumen und verbotener Weise mit Mehl beworfen hatte. Besonders schön war zu lesen, dass Overbecks Malerei grässlich sei, aufgeblasen, und dies so notiert, obwohl Hensel, ihr Kunstmalermann, der immerhin für den deutschen Kaiser die Transfiguration von Raphael kopieren musste, anderer Meinung war.
In Rom bin ich dann mit einem Mal unter einer Menge junger Menschen. Violetta, die im Moment bei mir einquartiert ist und mit einer Gruppe ein Tanzstück erarbeitet, bringt einen Geiger mit, einen sogenannten Zürcher Theater-Shooting-Star, eine Theaterwissenschaftlerin etc. etc.. Es gibt das günstigste Essen an der Via Tiburtina und Fabienne, die Schauspielerin, der Star, findet einen schönen, jungen Sarden, der sie zu einer Nachtfahrt auf dem Roller mitnimmt.
Ich beginne mit der gewöhnlichen Arbeit, korrigiere an einem kleinen Text herum, male, als wäre das Thema noch immer die Bergwelt, Felsbrockenformen, fahre zur Begrüssung der Stadt mit der Trambahn an allem vorbei, an der Porta Maggiore, an Santa Croce in Gerusalemme, am Lateran, am Kolosseum, an der Pyramide, am protestantischen Friedhof, hinüber nach Trastever – das erste kleine Gelati-Cono, Pistacchio wie immer…
Rom scheint übervölkert. Alles fährt irgendwohin. In Trastevere hören Menschenhaufen mit beigen Schirmmützen den Ausführungen einer Frau zu. Einzelne sitzen auf Klapphockern. Ich fliehe auf den Gianicolo. San Pietro in Montorio, wo man Beatrice Cenci im 16. Jahrhundert begrub, keine Inschrift darauf verweist, der genaue Ort des Grabs unbekannt ist, vielleicht leer, weil 1798 französische Soldaten die Leiche mitgenommen haben sollen, ist verriegelt und verrammelt. Man könnte Kunstschätze sehen, und ich stelle mir vor, wie seltsam diese Geschichte vom Wegbringen einer uralten Leiche ist, denke mir die Erfinderperson ohne Vorstellungsvermögen, ohne Gedanken an die Soldatenwelt, in der doch das Wegschleppen von Knochen und anderen Reststücken des Lebens ohne ausgesetzten Preis sinnwidrig ist. Die kleine Piazza davor ist hübsch und war der Ort unsäglicher Schrecklichkeit. Da stürzten Vögel, heilige Krähen, wie es heisst, auf die gekreuzigten Sklaven und Nichtrömer, frassen die verfaulenden Hingerichteten, waren so der Antike ein Bild der Göttlichkeit. So geht man harmlos herum und watet zugleich in den grässlichsten Bilderwelten, wendet sich wieder ab, sieht auf der Treppe eine junge Frau mit einem Paket Katzenfutter, rund um sie die Tiere dieser Gegend, hört, wie sie „poveri“ sagt.
Die Aussicht vom Vorplatz ist eigentümlich – nicht nur, weil der Blick über die Dächer hinweg auf die römischen Ruinen fällt, auf den Palatin, auf die Maxentius-Basilika, dann auf die andern Hügel, den Celio, den Aventin, auch weil hinter allem die hellen Figuren auf dem Lateran dastehen, als gingen da ferne Riesen über Baumkronen nach den Albanerbergen weg. Seltsam ist es auch weiter oben. Da steht das pseudo-klassische Denkmal „Roma o Morte“. Öffnungszeiten und die Verheissung des freien Eintritts stehen am geschlossenen Tor angeschlagen. Man könnte aber leichthin über den steinernen Zaun steigen und zu diesem faschistischen Tempel mit Altar gehen. Aber wer wollte das schon! Roma o Morte!
Dann lande ich bei meiner Suche nach dem Botanischen Garten im Park der Villa Doria Pamphili, nach einem Weg im Autokolonnenverkehr, der Fussgängern nur ein minimalstes Streifchen oder gar keinen Platz lässt, gehe ich unter Bäumen hügelan und hügelab. Der Nachmittag wird mir zum Altweibersommer. Pinien werfen lange Schatten. Weit weg sitzt ein Mensch auf einer Bank, laufen Jogger dorthin, wo man keine Stadt mehr sieht. Der Wind weht den Duft der Nadelbäume über die Hügel. Und auf dem Weg kommt man von einem zum andern, von der breiten Treppe zu kleinen Brunnen, von Wassergrotten zum kunstvoll geschnittenen Buchsbaummuster unter der Villa, von den Palmen zu den Eiben, Eichen, zum Lorbeer und den Zedern. Weit weg spielt eine Karusselorgel. Ich versuche nicht daran zu denken, dass man hier bei Sonnenuntergang eingesperrt wird, wollte unendlich weit gehen. Und, was in jedem Führer nachzulesen ist, dass alles, seit die Anlage dem italienischen Staat gehöre, heruntergekommen sei, finde ich nicht, auch keine Touristen, die hier wie ich ihre Zeit unter Bäumen und neben leeren Wasserbassins vertrödeln.
Ich trödle herum. Ich verplempere die Zeit, auch später, auf einem Schiff, das von der Tiberinsel her an Sant Angelo vorbei nach Norden in die einbrechende Nacht hinein fährt, betrachte die Bäume, die hier unter dem Pflaster herauswachsen, es dem Ufer entlang in Wellen hochwerfen, sehe einen jungen Mann unter dem Ponte Sisto zugedeckt wie ein Kranker auf einem Bett liegen, Fischer, die ihre Angeln dort auswerfen, wo in grünen Flecken Petflaschen und Plastiksäcke auf dem Wasser schwimmen…

Ruth