Die Zeit und die Wahrnehmung

Es ist Oktober.
Das letzte Drittel meiner Zeit in Rom.
Der Rest und keine Möglichkeit, der ablaufenden Zeit zu entkommen.
Es gibt nur die kleinen Schnippchen, die man ihr ab und an schlagen kann.
Es gibt nur die Vorstellung, der stillstehenden Minuten.
Ich tue, als ob…
So tun, als hätte man alle Zeit der Welt.
So tun, als wären die verbleibenden vier Wochen Monate.
Gelassen zuschauen.
Die eigene Unruhe ignorieren.
Mit Absicht herumtrödeln, Unwichtiges betrachten.
Nicht daran denken, was man alles noch sehen wollte, könnte, müsste.
Sehen, wie die chinesischen Touristen aus unbekannten Gründen in den Vatikanischen Museen vor einzelnen Bildern lachen, in einem tappenden Gang, der sonst nur jungen Menschen in ihren Sneakers eigen ist, weitergehen. Den Belanglosigkeiten zuhören, dem Knall der hinter die Bar geworfenen Abfallsäcke und der Musik, die aus dem Handy eines Wärters erklingt – wie die Gruppe der Wachhabenden vor den Stanzen des Raffael, die hier warten, bis die letzten Besucher den Ausgang finden, diese Musik hören, als läge darin eine Bedeutung.
Lange Zeit auf der Terrasse der Scuderie Papali auf dem Quirinal stehen, die Besichtigung der Metafisica-Ausstellung unterbrechen, den Mond sehen, der halb und sehr blass über grauroten Wolken an einem hellblauen Himmel hängt, die Sonne, die gleissend und verzogen durch das Gewölk nach unten fällt, die blaue Maria mit dem hellen Christus unter der Uhr des Palazzo Quirinale, die kurz vor zwölf stehen geblieben scheint. Aber die Uhr steht nicht. Sie hat die Zeit nur in sechs Stunden eingeteilt. So geht sie schneller als alle.
Mein Zeithaben schrumpft.
Trotzdem so tun, als hätte man alle Zeit der Welt. So tun, als wüsste man nichts davon und wäre es doch wie eingeschrieben in den Körper, dass man zu alt ist, um alles zu sehen. So tun, als gäbe es nichts, was vordringlicher wäre, als dem blauen Polizeilichtgeblitze auf der Piazza Colonna zuzuschauen, den Bewachungspomp der unterschiedlich silbern und golden verzierten Uniformen einer vergangenen Repräsentationszeit betrachten, die Zeitung zu lesen.
Ratzinger fordert zum Gebet für den kranken Papst auf, im Palazzo Chigi und im Palazzo Montecitorio sind für mich unversständliche Dispute im Gang. Berlusconi erhält eine Kotladung vor sein Anwesen, Rom rüstet für den EU-Gipfel, ein Baum in der Schweiz hat in der Tat den Blackout verursacht.
Weiter absichtlich die Zeit verplempern und vertödeln.
Über mein Zeitungslesen nachdenken.
Lange über meine Verdächtigungen sinnieren.
Den Urmiberg gibt es also. So hat man mir gemailt. Der Name war also nur mir verdächtig. So verkommt man in Rom. Man liest die Zeitung, denkt an Erfindungen, an den Schein, der schon für Borromini in der Architektur mit der Wirklichkeit austauschbar war. Es ist diese Täuschung, die Andrea Pozzo mit seiner Malerei so trefflich in San Ignazio, dieser zweiten Jesuitenkirche von Rom, vorzeigt: Illusion als gemalte Überzeugung, Bilder, die dem Blick den Himmel eröffnen, um die Richtigkeit des Glaubens sinnfällig darzustellen. Täuschung als Mittel, eine Wahrheit zu erweisen. Es geht nicht um Nachahmung. Es geht um Evokation von Wahrheit durch den Schein, von Gewissheit durch das trompe-l-oil. Man soll glauben, was man sieht, gerade weil das Sichtbare unsere Wahrnehmung täuscht. Man soll im Täuschungsraum der Kirche wahrnehmen, was augenfällig da zu sein scheint, soll für wahr halten, was kunstvoll vorgespiegelt ist.
So ist Andrea Pozzo der Vater der Werbung und der Informationspolitik.
Das hält an.
Am 3. Oktober hat sich der Turiner Korrespondent des Corriere della Sera wortreich über die Schweiz beklagt: „La Svizzera snobba…“ und sie vergisst selbst in den Tessiner Medien Italien und den Blackout, berichtet vom üblichen Geschehen, von der Tagespolitik, wartet einfach emotionslos auf die Resultate der Untersuchung. Diese Art, kurz zu berichten und dann auf Fakten zu warten, muss für die Menschen hier unverständlich bleiben. Hier wird alles wiederholt und mit Satzgirlanden umkränzt. Erzählt einem jemand, der zufällig auch im Lift fährt, auf das Stichwort „scrivere“ hin etwas, so wird das vervielfältigt. Und die Tatsache, dass auf Ponza eine Choreographie ganz unerwartet für den Erzähler realisiert worden sei, natürlich von einer hervorragenden Truppe, selbstverständlich am ausgezeichneten Ort, in jedem Fall zumindest in den Grundzügen von dieser Person und vielfach applaudiert, wird zur Halbstundenrede, nach der man unsicher ist, ob der Mensch im Lift dieses gewöhnlichen Wohnhauses nicht doch die wichtigste Person der hiesigen Tanzwelt sei. Was Wunder, wenn man hier die simple Meldung eines Leitungsunterbruchs gar nicht recht beachtet. Eine Mitteilung ist nichts. Sie ist nur in lange mäandrierenden Sätzen mit Wortzutaten aus der Hölle mit ihren glühenden Kohlen, den mit Zangen Fleisch aus den Körpern reissenden Teufeln, dem gefrässigen Strafgetier verständlich. Und wie zur Zeit des barocken trompe-l-oil, der jesuitischen Apotheosen und Höllenfahrten und der dominikanischen Drastik gilt das Faktum nichts. Das Tatsächliche bleibt unbeachtet, so lange es in seiner simplen Faktizität daherkommt. Sie wird erst durch die Erhebung zum Schein eine Wirklichkeit.
So fahren die hiesigen Zeitungen fort, die Notte Bianca zum Gipfelpunkt der Freude und der Tranquillità zu erheben, von der Schweiz fleissiges Mitleiden zu erwarten und dieses Land, das man durch seine Berichterstattung Welten vom eigenen entfernt sieht, zumindest in den Titelzeilen als einzig Schuldiges darzustellen: „Tutta la colpa degli Svizzeri.“ Daneben Spalte für Spalte ganz Vernünftiges ausgebreitet, das Liberalisierungssystem in Italien durchleuchtet, werden dessen Mängel aufgelistet: Fehlende Organisation, unzureichende Strukturen, diffuse Verantwortlichkeit, mangelnder Schutz der Interessen der Bevölkerung.
Den Urmiberg gibt es also ebenso wie die Strommarktliberalisierung und ihre Folgen. Und ebenso gibt es mein eigenes Falschlesen, eine von Misstrauen gesteuerte Sicht, die ihrerseits Schein und Realität verwechselt.
So fahre ich fort, durch Rom zu gehen, stehe lange bei den Demonstrierenden des Centrosinistra vor dem Palazzo Montecitorio, höre Reden, höre, dass es um die Meinungsvielfalt geht, zu den Protestierenden auch Dario Fo und Antonio Tabucchi gehören, versuche herauszufinden, worum es denn bei diesem neuen Gasparri-Gesetz zur Kommunikation wirklich geht, sehe an der Via dei Volsci den sogenannt harten Kern der Linken wahrscheinlich Richtung EUR abwandern, rote Fahnen, Wanderschuhe, Rastalocken. Eine Art Pace-Mobil erscheint: Ein altes schwarzes Fahrrad mit regenbogenfarbenen Windrädern, allerlei Friedensemblemen und Sätzen gegen die Linke und die Rechte, vorne eine Kiste als fürsorglicher Windschutz für einen Dackel. Der Mann ist nicht alt aber halbwegs zahnlos und dürr, trägt eine schwarze Seeräubertracht mit weissen Totenköpfen und Knochen.
Ich fahre endlich einmal mit meinem Monopattiono zu Quattro Coronati auf dem Celio, gerate mitten in das Blitzlichtgewitter und den Lärm einer Hochzeitsgesellschaft, höre immer wieder die Namen der Brautleute, dann das Ave-Maria und den Applaus der Gäste in der Kirche. Dann zerstiebt das Theater vor der Bildreihe mit den grauenhaften Märtyrerstrafen für die christlichen Bildhauer oder Polizeioffiziere, dem Auskugeln der Arme, den Schlägeln, den gewaltsamen Verrenkungen, und alles ist leer und sehr alt, auch die Nonne, die mir mit schnarrender Stimme aus ihrem vergitterten Fenster zuruft, dass hier der Schlüssel zur Kapelle San Silvestro sei. Da sieht man die Konstantinslegende, die dem Kaiser einen Glaubensrückfall und eine Leprastrafe andichtet, die dank einem Traum und einer nachfolgenden Erscheinung nicht durch das Blut der Kinder sondern durch die Taufe abgewendet werden. Über allem Christus mit den Aposteln und auf deren Nimben seltsam abspringende Engel. Einer rollt ein Pergament mit Sonne, Mond und Sternen aus. Und mir kommt in den Sinn, dass die Geschichte des christlichen Scheins noch viel älter sein muss – mehr noch, überhaupt das wesentliche Element dieser Religion sein muss: Ein Himmel, der gemalt ist, danach von Engeln ausgebreitet wird, existiert. Das tatsächlich All ist kein Apriori. Das Aposteriori, das Bild, ist die Grundlage und wird so zum Anfang aller Existenz.
Die Nonne, die den Kreuzgang, dessen Mitte völlig aufgewühlt ist, öffnet, mich begleitet, erzählt vom einzigen Baum, der hier auf diesem Hügel an eben der Stelle gestanden habe, sagt mit unerwartetem Humor den Satz vom Schatten der Kirche, dem sogenannt Einzigen.
Draussen stehe ich auf dem einst berühmtesten Prozessionsweg zwischen Vatikan und Lateran, am Ort, wo der Legende nach eine Päpstin Johanna ein Kind geboren haben soll, die sogenannte „sedia stercoraria“, der „Kotstuhl“, ein luxuriöses Bidet aus römischer Zeit, notwendig wurde, um vor der Prozession zu erkennen „ob nicht eine Päpstin sie hatten statt einem Papst“, wie Belli später schrieb.
Man schien auch hier in gewissen Dingen Faktizität zu wollen, dem Schein zu misstrauen, durch die Geschichten mit ihren Erfindungen geprägt, zu den seltsamsten Mitteln der Verifizierung greifen zu müssen.
Nachts fällt ein reales Gewitter ein. Es giesst wie nie. Donner krachen nieder. Blitze erfüllen die Gassen. An der Via dei Falisci schafft man mit Mühe all die kleinen, weiss gedeckten Tische mit den Muscheln und Fischen, den Gräten und Schalen, dem Wein, den Gläsern und Tellern weg. Von unten her hört man nichts mehr von diesem gewohnten Gabel- und Messergeklingel.
Es ist Herbst. Ich warte auf den doch so schönen Oktober, schreibe lange vor mich hin… denke an eine schöne Nutzlosigkeit, in der die Zeit nichts ist – ein irrealer Schein.
So sehe ich, während ich alle herzlich grüsse, die Zahl der Regentropfen auf meinem Fenster anwachsen, da und dort einen wie eine Kaulquappe nach unten gleiten.
Ruth
Ruth