Der Urmiberg und die Villa dŽEste

Die Schweiz ist also für den Blackout hier verantwortlich. Im Corriere della Sera ist ein Bildchen zu sehen: Da gibt es über einer Alp einen Wald mit eingezeichnetem Kreis. Das Innere des Kreises ist so dunkel wie sein Umfeld. Aber es heisst, dass es da ein kleines Feuer gab, eines bei Brunnen auf einem sogenannten Urmiberg. Ob es wohl einen Berg mit einem derart seltsamen Namen gibt? Das Wort „Urmiberg“ erinnert mich an die Berichterstattung vor gut zwei Jahren auf Ventotene, dieser kleinen Insel vor Gaeta. Da hiess es, die Flugzeuge seien in New York in das „Word-Trade-Center“ geprallt. So viel Ehre für die Wörter! Solche Türme für den Handel damit! Eine derartige Wut auf das Gesprochene und Geschriebene! Als wären die Zeiten der Bannsprüche der Päpste, des gewaltigen Lutherwortes, das alles vermag, der olympischen Götterbeschlüsse nicht längst vorbei. Aber immerhin, das Urmibergwort vermag doch zu zeigen, wo genau eine Ursache liegen soll. Die NZZ spricht nicht von einem Urmiberg, sie spricht vom Lukmanier und einem üblichen Vorfall, der nicht ins Urmiberg-Timing-Konzept passt. Was war, wird sich wohl in den nächsten Tagen weisen. Und natürlich erzählt der Corriere zu diesem Stromausfall auch ganz andere Dinge, breitet in langen Sätzen das Problem der unsorgfältigen Liberalisierung aus, deren Folge die Vernachlässigung gewisser eigener Stromquellen auf Kosten der billigsten Anbieter ist. Das Ganze endet mit dem Verweis auf veraltete Strukturen, den Casini ganz allgemein formuliert, und damit, dass Berlusconi es nicht nötig fand, ein Wort an die Italiener zu richten. Die Neue Zürcher Zeitung verweist auch auf die politischen Seitenhiebe, für die dieses „tutta l‘Italia al buio“ herhalten muss, und Siedler schreibt einen NZZ-fremden Satz: „Es wäre einem Wunder gleichgekommen, wenn im Zusammenhang mit dem Blackout aus den Reihen der Politiker vernünftige Worte zu vernehmen gewesen wären.“ Das zugehörige Bild zeigt Anita Ekberg direkt über dem Brunnenwasser der Fontana die Trevi. Das hat wohl während der „Notte Bianca“ niemand so gesehen. Und mir scheint, als haftete alles Liberalisierung das Unsorgfältige an. Da ist doch eilig zu raffen, billigst einzukaufen, günstigst anzubieten. Da ist doch kein Raum für die Vorsicht. Da kann nur ein ominöser Urmiberg mit einem Kreis versehen werden, damit klar ist, dass ein ferner Baum in der Innerschweiz Italien ins Dunkel fallen liess.
So sitze ich am Abhang des Gianicolo bei Tassos Eiche, einem uralten, morschen Baumrest, der nur noch von Ziegeln und Metallbändern und –streben aufrecht gehalten wird, gehe herum und betrachte die Platanen, die jammervoll dahinserbeln, an der Via Nomentana und an der Merulana nur noch gewaltige Stämme mit kleinen Blattbüscheln sind, denke an die Zeitungsartikel in der Schweiz, die nicht genug bekommen konnten, alle alten „Waldsterbesätze“ als Beispiel für grünen Blödsinn zu verspotten.
Alles hängt an den Bäumen. Seit Wochen schaue ich sie an, sitze in ihrem Schatten, sehe immer neue, deren Namen ich nicht weiss.
Ich fahre im Bus durch das Tiburtinaviertel hinaus, an Wohnblöcken, verkrauteten und mit Unrat übersäten Rainen vorbei, mit dem blauen Überlandcar weiter, unter der Autobahn hindurch. Da stehen zwei Männer neben ihrem auf den Pannenstreifen gestellten Auto, zünden vor einem Kreuz mit Blumen Ewig-Licht-Lampen an, darunter hängt ein Plakat mit einem zwei Wagen zerquetschenden Riesenfahrzeug, das für eine Autoshow wirbt. Der Bus fährt weiter und niemand sagt etwas zu dieser Totenfeier, zu den Plakaten, den Schwefelbädern, den mächtigen, hellen Travertinsteinbrüchen, zum Weg den Berg hinan, wo Rom nur noch als fernes Kubengewürfel weit weg liegt, ein unruhiger und unordentlicher Fleck wie die Vorstädte. Schön sei es oben, in Tivoli, in der Villa d‘Este, wunderschön, hat man mir gesagt. Es ist so. Es gibt gemalte Bäume. Da flattern Vögel mit Ölzweigen im Schnabel. Da gibt es neben dem geschnittenen Buchs mächtige Steineichen, uralte Zypressen, Pinien, auch einzelne tote Stämme, die man bewahrt. Und alles ist ein Ort der Überfülle des aufspringenden, fallenden, fliessenden, tropfenden und still daliegenden Wassers, der durch die Kronen fallenden Lichtflecken, der Schatten, der Grotten- und Sprudelbrunnen, der Wasserfälle und –becken, der Kaskaden und der aus dreizehn oder fünfzehn Brüsten schiessenden Strahle, der Güsse aus tierhaften Fratzen und der vor sich hin blubbernden Fische. Rom ist ein leckes Schiff im aufgefächerten Regen, Tivoli die aus der Höhe herabrauschende Natur. Was war dieser Kardinal d’Este, der all das erbauen liess, ein auftrumpfender, alles auf seinen Wohnplatz lenkender Mann, der da Klöster für seine Villa enteignete, den Fluss umleitete und fasste, um ihn aus tausend Brunnen aufquellen, niederfallen, aufschiessen und wegströmen zu lassen, überall seine Zeichen setzte, den Adler und die Lilie, die berühmte Meta Sudans als bemooste Grottenkegel nachahmen und alle Tugenden an die Wände malen liess, dazu die Herkules-Geschichte und das Mahl der Götter als die für seine Familie passenden Bilder…
Es ist in der Tat wunderbar. Aber alle Pracht, aller Luxus des Schattens, der Brunnen und Bassins, der hohen Räume, der Loggien, des stillen quadratischen Innenhofs, der Ausblicke über die Ebene und hin zu den nächsten Hügeln ist ein Reichtum, der den damaligen Menschen von Tivoli ausser wahrscheinlich schlecht bezahlter Arbeit, kaum etwas einbrachte. Immerhin hätten sie ein Recht auf mehr gehabt, weil da auch die Mittel, die dieser Kardinal für Mildtätigkeit bekam, verbraucht wurden. Die Franziskaner erhielten für den dafür benötigten Klosterbereich einen neuen Kirchturm.
So geht man hier auf Kosten längst gestorbener Menschen und wünscht sich zugleich da zu bleiben, wünscht sich auch, es möchte einem Staat gelingen, neue Orte solcher Kultur zu schaffen, Museen mit ruhigen Innenhöfen und Grünflächen, Parks der stillen Musse, Bäume, unter denen der Luxus der langen Zeit aufsteigt.
Die „Notte Bianca“, so wird im Corriere della Sera über Seiten hinweg berichtet, sei so etwas gewesen – ein Fest der Freude und der Musse, das mit dem Blackout ihr abruptes Ende gefunden hätte. Ich, die ich während der römischen Kulturnacht mit Gratiseintritten und reduzierten Tickets nur im Gedränge und im Gelärme war, in der Enge des Gewimmels und Getrampels, Rom unter der Last der Menschen zusammenbrechen sah, war wohl nicht an solchem Ort, grüsse aus der Bar Marani, wo man, das Notizbuch oder den Laptop, das Buch oder Briefe vor sich in einer anderen Form von Ruhe und Unruhe sitzt, zuschaut, zuhört, einen Campari trinkt, wartet, bis gegen 21.00 gegessen wird.

Ruth