Letzte Tage in Rom

Letzte Tage.
Reststücke.
Man müsste daran denken, dass demnächst alles Erinnerung ist.
Das dritte meiner schwarz gebundenen und mit einem Gummiband zusammengehaltenen Tagebuchhefte ist bis auf einen Minimalrest vollgeschrieben und –gezeichnet. Ich muss mich entscheiden: Entweder finde ich das Geschäft wieder, in dem solch hübsche, leere Büchlein verkauft werden, oder ich bemerke zu den nun folgenden Tagen neben dem Datum allenfalls die durchschnittliche Tagestemperatur oder die hauptsächliche Farbe des Himmels – heute: weisses, flachgezogenes Gewölk, das gegen Westen hin grau wird, über mir ein grosses Stück Hellblau offen lässt. Die Farbe des Himmels scheint von Tag zu Tag bedeutsamer.
Auch andere Bereiche erhalten plötzlich eine Dringlichkeit. Dringend scheint es, halbe Nachmittage im kleinen Kreuzgang von San Lorenzo fuori le Mura zu sitzen, Travertin- und Ziegelstrukturen mit Graphit abzureiben, auch zwei drei Buchstaben von Marmorfragmenttäfelchen, dazu die Farbe der Wand zu bemerken, auch den Zustand der Innenhofbepflanzung, die vereinzelt blühenden Rosen, den Salbei, den Buchs, auch zuzuhören, wie das Wasser aus der schmalen Röhre über die wenigen Steine in das Brunnenbecken läuft, festzustellen, dass es da wie immer ist: Der Weihrauch der Beerdigungen, der Franziskaner, der hier in seiner Kutte eine Zigarette raucht, die Katze, die faul herumliegt, das Herumhüpfen der einzelnen grauen Taube, sonst nichts.
Die Gäste sind abgereist, die Ruhe der Vereinzelung ist zurück. Ich schaue auf die Menschen, die in der Trambahn vor sich hin reden, betrachte mich im Spiegel der Auslagen. Ob ich wohl demnächst mit diesem selbständig zu nichts und niemandem redenden Mund herumgehe? Vor mich hin sage, dass in der Chiesa Novella das von Engeln getragene Bild der Maria mit dem Kind am Samstag nach unten wegtaucht, eine alte Fassung zeigt, eine mit Goldkronen auf den beiden Köpfen – dies, sofern man da einen kleinen Mann, der in nichts den Anschein eines Aufsehers hat, fragt, dann berichten, dass in dieser Kirche mit dem Rubens-Bild alles von Engeln gezeigt scheint, das Deckengemälde, die grossen ovalen Bilder an der Langhauswand, auch noch, dass diese Kirche grau scheint, das Gold nur zu gewissen Zeiten leuchtet, danach bemerken, dass die Phokas-Säule im Forum Romanum an einen schrecklichen byzantinischen Herrscher des sechsten Jahrhunderts erinnert, eigentlich für den letzten Akt des Niedergangs des alten römischen Reiches steht, für Pest und Gewalt und, wie Gregorovius sagt, für Rom als „verklösterte“ Stadt?
Demnächst ist endlich auch der erste Band der Geschichte der Stadt Rom gelesen. Umständlich bin ich da ins sechste Jahrhundert gekommen, dies mit seinem Autor, dem der alte römische Staat vorbildlich war, Theoderich, der Gote, der letzte für Frieden einstehende Kaiser, Gregor I. ein zwar an seltsame Teufelswegfahrten und christlich sich niedersenkende Duftwolken glaubender Erfinder des Purgatoriums, aber trotzdem einer, der sich um die Bevölkerung kümmerte und der erste, der aus den Trümmern dieser Stadt eine neue, nun papistische Einheit schuf.
Immer wieder schreibt Gregorovius das Wort „merkwürdig“. Ich denke an Otmar und seine Art, dieses Wort zu brauchen, und daran, dass ich mir ständig nebensächlichkeiten merke, die unbeschreibliche Form der Rinde der jungen Korkeichen beim Auditorium, das Lächeln des Bettlers ohne Beine am Corso, die Stimme der Frau, die mir am frühen Nachmittag in der Bar Marani um die Ecke „Signora, Caffè?“ zuruft, die Tauben, die da seit Tagen die dunklen Beeren von den Ranken picken, dabei die braunen Herbstblätter über die Gäste hinunter regnen lassen. Merkwürdig ist das alles nicht, eher ein Zeichen dafür, wie ich hier, im San-Lorenzo-Viertel mit meinen Plastiksäcken voll Gemüse und Vongole, Pilzen und Kräutern, Bresoala und Wein vergemütliche, Rom um mich zum Dorf verkommt, in dem bemerkt wird, dass der Hagere nicht mehr täglich Stunde um Stunde die Zeitung liest, die Matronen weniger werden, weil die Gegend trendy geworden ist, alles herkommt, um in den 70-Punkte-Restaurants Tagliatelle mit Trüffeln oder Salat mit Orangenfilets zu essen, Wein zu degustieren…
Merkwürdig ist anderes, zum Beispiel das gegen die zunehmende Körperfülle der Italiener neu verordnete Gesundheitsgesetz von Berlusconi: die den Osterien und Trattorien staatlich vorgeschriebene Verringerung der Primi Piatti. Piergeorgio muss mir das mehrfach bestätigen. Die vorgeschriebenen Hundeleinen und Maulkörbe, auch die für freilaufende Tiere speziell bezeichneten einzelnen Parks, habe ich geglaubt, das von den Kommunisten durchgebrachte Gesetz, das der Werbung Modelle unter vierzehn Jahren verbietet, selbst gelesen. Die Lachhaftigkeit der Pasta- und Risottomengen scheint nur noch dann zu passen, wenn man weiss, dass Berlusconi auf dem EU-Gipfel-Foto seinem spanischen Kollegen mit der Hand das Hörnchenzeichen auf über den Kopf gesetzt hat… „un cornuto“ – was für ein Blödsinn. Immerhin ist das Bild eines solchen Präsidenten nützlich. Und die Linke schreibt dazu auf ihrem Plakat den Satz von den niedrigeren Steuern für alle: „meno tasse per tutti“. Doch zum Lachen wird da wohl wenig Grund bleiben. Die Wohnungspreise geraten selbst im einst völlig armen San-Lorenzo-Quartier in die Nähe derer von Zürich – immerhin statistisch gesehen eine der teuersten Destinationen. Und die Zahl der Obdachlosen ist ganz bestimmt völlig falsch, weniger als ein Zwanzigstel dessen, was Deutschland zu verzeichnen hat, berichtet la Repubblica in ihrem Artikel zum erwarteten 17. Oktober, der „giornata mondiale della lotta alla miseria“. Dazu gibt es in Turin eine Konferenz, in Mailand eine Diskussion, in Aosta, Genua, Verona, Pavia, Lecco und Pisa ein Fest, in Rom Debatten über die neue und die alte Armut. Die neue Form der Bettelei wird wohl nicht zur Sprache kommen: die als alte Weiber verkleideten Männer, die rund um das Trajans-Forum herumhumpeln und -hocken, ihr Gesicht so tief zu Boden gesenkt, dass man nur mit Mühe ihre Nasenspitzen erkennt. So gehe auch ich gebückt an den Bettelnden vorbei, bis mir ein solch zitterndes und lallendes Hutzelweib an der vornehmen Via dei Condotti panische Angst einjagt, denn was da sitzt, ist eine Frau, zerstört und zerfallen, eine Zucker- und Alkoholruine, teilamputiert, den Kiefer an den Kopf zurückgebunden, um sich tastend, Wörter stammelnd. Ich laufe weg und schäme mich, ihr nicht wenigstens einige Centesimi zugeworfen zu haben. Sie gibt es auch, diese Reststücke eines Lebens unter römischem Himmel. Da kann keine Zeit sein für Scherze auf Präsendeten-Fotos , auch wenn die Statistik andere Dinge behauptet. Lachhaft billig geworden ist nur die Fahrt mit dem Zug, drei Euro und fünfzig Cents für die zwei Stunden Anzio–Roma und Roma-Anzio. Aber die Witterung ist nicht mehr die des Sommers, sie ist eine, die einem nach und nach um die Alten auf der Strasse Angst werden lässt .
Und schon sind die Vögel beim Bahnhof Termini in grossen Massen angekommen. Sie sind immer da, wie ich bemerkt habe. Aber ihr Flug ändert sich. Im Sommer hüpfen sie auf den Pinien und Steineichen herum. Und ihre Flugstrecken sind kurz. Nun, im Oktober ist da ein Gelärme – ein seltsames Gequieke, wie es zuvor nicht war. Und der Himmel ist gegen Abend voll von ihrem Geschwirr. Sie fliegen auf, hängen wie verbranntes Papier in der Luft, fallen nieder, lösen sich plötzlich aus der transparent scheinenden Luft heraus, überziehen das helle Blau mit einem Punktgewölk, fliegen in Band- und Haufenformationen hoch, überlagern und trennen sich, stürzen erneut nieder, gleiten über den Bauten von Gaetano Koch und den alten Diokletiansthermen weg, erscheinen als kleine Fleckenballen, die hinsegeln, flatternd wenden, auffahren, sich neu teilen und anders zusammenfügen. Die“stornelli“ sind da. Und ich habe da in der Bar Americana meinen Platz, weiss nicht, wozu die Vögel derart vielfältig und endlos auf- und niederschwirren und lese darin die Zeichen meiner baldigen Abreise.
So gehe ich herum, betrachte Schuhe und Mäntel, Kappen und Pullover. Aber die Mode macht mir in diesem Jahr einen teilweise missratenen Eindruck – als wäre sie hier in Rom im inspirationslosen Raum angekommen. Prada bringt Stoffmuster aus den Fünfzigern. Überall sind diese Twin-Sets zu haben, daneben Fransen- und Löcherkleider aus den Siebzigern, Häkelzeug aus Grossmutters Handarbeitsstunden, High-Heel-Stiefel und Tigermuster aus der Bordell-Kultur. Alles, was mir gefällt, habe ich schon. Und die schönen Schuhe von Trussardi, eine teure und wundersam weiche Form von Boxerstiefeln mit Reissverschluss, damit ich als faule Person nicht Schnürsenkel anziehen und verknoten müsste, haben Sohlen, mit denen man allenfalls ins Theater oder Konzert gehen könnte, und es ist nichts mit dem Paar, das den Rest meiner Wege elastisch abfedert, leichtfüssig bei Rot zwischen den Autos und Rollern durchhüpfen lässt. Dabei wäre es an der Zeit für ein Stück Rom zum Mitnehmen. Das sah doch so wundersam aus, wie Ingrid und Urs, meine Bildhauergäste, mit all ihren neuen Schuhen ankamen, jedes Stück vorführten. Und gleich schien es mir, auch ich müsste irgendwo mein Schuhwerk finden, eines, mit dem man leichthin über das alte Pflaster geht, eines, das sich weich an die Füsse schmiegt und bereit steht für eine nächste Reise, eine nach Venedig im Winter zum Beispiel. Aber nichts da. Ich finde nur Exemplare, die auf einem Regal stehend ein Stück Dolce Vita vortäuschen könnten. Und ich denke daran, dass man sie allenfalls eingiessen und so zu einem Kunstwerk umarbeiten könnte. Aber das passt nicht für den Baum, den ich in Küsnacht am Zürichsee zu gestalten habe. Und so fällt der Plan weg, brauche ich hier auch keine transparente und garantiert trocknende Masse zu kaufen, male Berge zu Bauten transformiert vor mich hin, sitze noch etwas vor dem Teatro India beim Gasometer herum, merke mir seine Form, das ausfransende Industriegelände vergangener Zeit, die Ziegelmauerreste, die leeren Hallen, die Eisenstrukturen, das grosse , leere Foyer, den Feigenbaum, die Schilfhalme, die Metallkonstruktion, den Himmel über einem Ort der Ruhe, sitze bei Renzo Pianos Auditorium herum, höre dank Piergeorgios und Paolas Initiative wunderbar einförmige Chora-Musik, afrikanisch-amerikanisch, alles so, als wäre in die Repetition der Wüsten- und Steppeneinöden die Wiederholung der Klänge hinauszuschicken.
Für andere Dinge als die Repetition scheint es zu spät. Italienisch habe ich nicht gelernt. Ich höre von der 2500-Wort-Kassette die Dolce-Vita-Geschichte, verstehe alles, weil ich alles kenne, die Via Veneto, Anita Ekbergs Sätze, das Bad in der Fontana die Trevi, was ja mehr ein Herumstehen im Brunnen ist, den Mann ohne Kopf…, die neuen Wörter, die ich mir absonderlicher Weise gemerkt habe, kommen natürlich nicht vor: barbabietola, rote Beete oder Randen, leccio, die Steineiche, wie ich nachdem ich endlich und nur rein zufällig den Orto Botanico gefunden habe, anzunehmen allen Grund habe. Nicht vergeblich habe ich ihn gesucht. Und wo bin ich da nicht überall angekommen, ehe der einfache Weg vom Palazzo Corsini in Trastevere offen vor mir lag – auf einem verkrauteten Weg zwischen Papierfetzen, bei Mauern und Eisengittern mit langen Spitzen, bei der Bewachungsnonne in San Pancrazio, die auf einem Bildschirm Kirchenräume oder so vor sich hat, während sie auf dem andern eine zelebrierte Messe sieht, auf den weiten Wegen im Park der Villa Doria Pamphili, beim Rest der alten Eiche von Tasso und immer wieder bei Garibaldi und den Büsten seiner Helden. Ich wollte ja nur wissen, wie all die Bäume und Sträucher, die hier wachsen, heissen, fand dann endlich all diese sorglich vor die Pflanzen gestellten Täfelchen, sah ein gar kärgliches Alpinum ohne Enzian und Edelweiss, schöne Bambuswäldchen, mächtige Palmen, uralte Platanen, Salbei, Rosen, den römischen Hain mit Eichen aller Gattung, mit Steineichen, wie es in der Tat auf dem Zettel hiess, wahrscheinlich diesem Leccio, der hier überall wächst, dessen Name niemand, den ich gefragt habe, kennt. Oben, über den Pflanzen der Berge ist die Aussicht wunderbar, Rom liegt mit seinen Kuppeln vor den Augen, unten der Tiber als ein langgezogenes Band von Bäumen, weit weg, hinter der Villa Medici die auf- und absteigende blau-goldene Montgolfière. Ewig könnte man da sitzen. Kaum jemand kommt da an. Und der Lärm der Ambulanz- und Polizeisirenen ist nur mehr ein ferner Klang aus einer anderen Welt.
Es ist demnächst Zeit zu gehen, das Zitat aus la Dolce Vita abzuändern: „Erano i favolosi tre mese. A quel tempo Roma era magnifica, i giorni correvano felici el le notti sembravano senza fine. La sera si andava in via dei latini, in via dei falisci o in via dei equi e si restava svegli fino al mattino…“
Ich zähle mein verbleibendes Geld.
Der Kühlschrank ist gefüllt, als wäre ein Winter zu verleben.
Auf dem Herd kocht eine Caponata-Erfindung aus grünen Tomaten.
Es stinkt nach glücklicherweise verbrannten Cipolle, die man allenfalls als Vorspeise für ein Weihnachtsessen hätte servieren können.
Bis bald
Cì vediamo
Ruth