Definitiv letzte Tage

Die National- und Ständeratswahlen sind vorbei.
Ich brauche mich nicht mehr zu kümmern. Es gibt nichts, was ich für ein besseres Wahlresultat der SP beitragen könnte. Die aufgetragenen oder selbst zum Auftrag gemachten Leserinnenbriefe und die Texte für die Zeitungen und das Thurgauer-Jahrbuch sind verfasst, abgeschickt, zum Teil längst erschienen. Ich zähle in Gedanken die erledigten Arbeiten vor mich hin, wische den Staub vom Boden der Wohnung, denke daran, endlich alles zu ordnen, die Papierhaufen zu sortieren, den Abfall wegzuwerfen – auch an die letzten Wege durch Rom, an Abschiedsbesuche in dieser und jener Bar.
Es ist mir, als müsste ich mich nochmals richtig an diese Stadt klammern.
Wieder und wieder sitze ich im Innenhof von San Lorenzo fuori le mura.
Wieder fahre ich ins Caffè delle Arti.
Der alte Kellner ist nicht aus Ferien am Meer oder in den Bergen zurückgekehrt.
Ich stelle mir trotzdem vor, wie er da in seiner Livrée herumgeht, an den Füssen neue und unpassend weisse Turnschuhe gegen die Mühen des Alters.
Wieder betrachte ich den Travertin und es kommt in den Sinn, dass ich über diesen Stein nichts weiss, nur die grossen Brüche in der Ebene kenne, seine Farbe und seine Unregelmässigkeiten.
Wieder sehe ich das hochaufgetürmte Oktobergewölk und gehe dem Tiber entlang, diesem Fluss, an dessen Ufer kaum jemand ist, und der doch gemäss römischen Reiseführern berühmter als alle andern sein soll – als wäre Rom der Mittelpunkt der Welt, als wäre die Erde katholisch, als wäre keine Zeit vergangen.
In Rom bleibt man irgendwo in einer fremden Zeit sitzen. Und mit einem Mal sieht man sich da im Caffè Greco an der Via dei Condotti angekommen: in einer Verstaubtheit ohnegleichen vor alten Bildern und Namen und einem heillos überteuerten Espresso, den ein Kellner im Cut gebracht hat. Und es kommt rein gar nichts in den Sinn, höchstens noch, dass man da wohl für sich im inspirationslosen Raum hocke. Es ist angenehm. Aber nach und nach entfallen die Vorwände für solches Tun. Und man fühlt sich recht wundersam überflüssig – ein Mensch und nichts weiter – und mag sich doch nicht so recht mit solch schöner Nutzlosigkeit abfinden.
Ohne Skizzen- und Tagebuch würde ich hier wohl nach und nach in eine Verblödung hinein laufen, den Kopf voll von Gesehenem und Vermutetem, dies und das ansammelnd, das sich dann wie eine Überschussproduktion von Bildern und Gedanken verknotet, um fortlaufend auseinanderfallend einen verrottenden Haufen zu speisen, der seinerseits nichts anderes wird als ein undurchschaubarer Teich, in dem unverwesliche Einzelstücke nach oben geschwemmt daliegen wie die Petflaschen im Tiber: die roten und schwarzen Plastiksessel der Bar Marani, die nicht mehr vorhandenen jammervoll mauenden Spielzeugkatzen auf der Piazza Navona, die Putzmaschine auf dem Petersplatz, die stets neu vor mein Küchenfenster gehängte Wäsche meiner Nachbarin, die Ara Pacis mit dem Fries für Augustus, der wie vor zwei Jahren hinter einem Metallverschlag weggesperrt ist – die Frage, warum da die Bau- und Renovationsarbeiten nicht vorangehen, die Vermutung, dass da alles verdorben sein könnte, die Franzosen Recht hatten, ihre Teile für sich zu behalten, sie nicht aus der Villa Medici und dem Louvre herauszurücken.
Gänzlich in das Selbstgespräch zurückgeworfen, wird alles zum unsinnigen Geklumpe, aus dem nur hervorragt, was sich durch Repetition vergrössert oder durch Sehmuster und Hinweise zu einer Merkwürdigkeit gerät. Und der Rest sitzt als Ansammlung von Nahrung und Bakterien im Hirn und summt und surrt da herum, veranstaltet ein sinnloses Gedröhne, das noch im Schlaf anhält, für nichts und wieder nichts aus Bäumen Säulenformen schafft und die Barberini-Bienen als mächtiges, unappetitliches Getier im Baptisterium beim Lateran, auf den Bernini-Säulen im Vatikan und selbst im schönen Innenhof des Palazzo della Sapienzia vor Sant’Ivo in den Himmel schwirren lässt. Und mir wird beim blossen Gedanken an mein sinnlos mit Langobardenzügen und Päpsten gefülltes Hirn elend.
Nicht vergeblich ist der Mensch ein Plapperer, der sich durch stete Mitteilung gebärdet, als hätte das Besichtigte und Erfahrene einen Sinn. Das sehr schweizerische Nichtsreden, mit Niklaus von der Flües Geschichte als vorbildliche Daseinsform gezeigt, führt zur Blödigkeit. So gehe auch ich in solch seliger Nutzlosigkeit herum, wandere über den menschenleeren Monte Mario, lese, dass der Efeu und der Lorbeer zu sehen sind, fahre auf meinem Monopattino-Klapproller umständlich den Weg hinunter zum Vatikan, sehe das Gewimmel der für das Papstjubiläum weggewiesenen Pilger und Touristen, die hergetragenen Blumen und die anfahrende Putzmaschine, sitze bei Da Fico, wo die Schachspieler ihre Stammplätze haben, höre, wie sie endlos diskutierend ihre Figuren immer und immer wieder umstellen, fahre wieder zum Auditorium, wo für Schulklassen zum sechzigsten Jahrestag der Deportation der römischen Juden aus dem Ghetto ein Film läuft, schaue auf dem Foro Italico die Mosaike an: Männer beim Ackerbau und Männer bei der Weinlese und auf dem Weg in den Krieg und darüber Flugzeuge und ein Oval umstellt von grober Heldenplastik und Dux Mussolini und die Repetition von „Duce a noi“ und die Tafeln zur Geschichte: 9. Mai 1936: „Proclamazione dell’Impero“; 25. Juli 1943: „Fine del Regime Fascista“; Juni 1946: „Referendum Institutionale Proclamazione della Repubblica“. Das Regime von Salò fehlt. Die Frauen halten nur Kinder in die Höhe oder sitzen vereinzelt als Göttinen auf einem Löwen und einem Stier. Zwei Jogger laufen über den leeren Platz. Und alles liegt auf diesem Foro Italico, zu dem eine Brücke mit Männerkriegsleben hinführt, wie in meinem Kopf da – unbesichtigt und für sich. Niemand scheint sich zu kümmern, niemand daran zu denken, was daraus entstehen könnte. Es ist, wie es ist. Die Schulklassen gehen nach der Filmdokumentation über die Judendeportation nicht da hinaus. Die Menschen, die mir begegnen, fragen nach dem Bus Nummer 32, jenem in die Innenstadt.
Endlich finde ich dann neben der überall herumliegenden Agenda für das Jahr 2004 wieder ein schwarzes Zeichnungs- und Schreibbuch. Endlich scheine ich in der L’Unità das politische Leben hier teilweise zu verstehen. Die Rede ist von einer Post-P2, den „falsi Cavalieri di Malta“, die mit dem serbischen Regime gemeinsame Sache machten: Schmuggel, Drogentransporte, Umgehung des Embargos. Ich lese über Ciampis Ghetto-Besuch, seine Rede zur Geschichte: „che si dimentica si ripete.“ Auf dem Capitol weht vor dem Sitz der Stadtregierung die Pace-Fahne. Und denkbar wird, dass es eine Post-Berlusconi-, Post-Fini-, Post-Bossi-Ära geben wird, die nichts mit der Erneuerung der Gegenwart zu schaffen hat.
Michèle kommt. Ich führe sie zur Villa d’Este mit ihren tausend Brunnen, zeige die Travertinbrüche, wandere mit ihr lange die Via Appia hinaus und dann wieder durch die Stadt und durch das Eur mit seinen gespenstischen Faschismusbauten, ihrem Wiederholungsprinzip, ihrer gross aufgerichteten Nachahmung: Castor und Pollux im Vergröberungsstil am Ende einer endlosen Travertintreppe. Über allem die vierfach erschreckenden Inschrift: „Un popolo di poeti di artisti di eroi di santi di pensatori die scienziati di navigatori di trasmigratori“.
Ich wollte all das nicht haben, was in die Reihe der Heroen und Heiligen gereiht werden kann und mit grossartigen symmetrischen Bausystemen, Aufmarschstrassen, tempelartigen Überhöhungen und schwarzen Bogenfensterreihen daherprotzt – leer und starr, alles Ordnung und Funktion. Alles tot und hoch aufgerichtet.
Ich lerne von Michèle, dass die RNS und die DNA zur Hauptsache Unsinniges und Nutzloses enthalten – Überschuss, der zu nichts führt, Herumspringendes, das keiner Bestimmung dient. Es ist mir ein Bild, zunehmend: der sinnlose, vagabundierende Überschuss, diese Suppe, die sich für nichts zerteilt, dieser Tümpel, der vor sich hin gärt, Partikel, die sich zerteilen, verknoten, auflösen. Das Leben. Es bleibt, was es ist: In seiner Dauer und Verbröselung nutzlos und unordentlich. Und was sich da ansammelt in einem Kopf hat keine Zweckbestimmung, kann höchstens da und dort eine kleine Funktion übernehmen. Aber wann und warum und wie, das lässt sich nicht sagen.
So wandere ich weiter durch die Stadt. Regen fällt. Rom scheint zu ersaufen. Die Trambahn hält still. Niemand weiss, warum man erneut draussen, in den ansteigenden Pfützen, zu stehen hat. Die Kirchen sind voll von Menschen, die dasitzen, einem unverständlichen Messe-Singsang lauschen, hören, wie eine Handvoll Katholiken ihre Sätze sprechen. Die Mosaike von Santa Maria in Trastevere leuchten golden wie nie. Das Kirchenschiff scheint vor der Sintflut draussen zu retten – auch davor, dass seit Jahrhunderten die Thermen mit ihren wärmenden Caldarien fehlen. Wie im August, als mir die Vorstellung eines katholizierten Frigidariums Verlust von Schutz vor der Witterung war, ist mir auch jetzt die Kirche nur notdürftiger Ersatz für die römischen Bauten. Und wieder frage ich mich, was denn um alles in der Welt in den Menschen gefahren ist, dass er das Bad mit dem Raum für zelebrierte Schuld und aufgerichtetes Elend tauschte, den Baum zum Kreuz werden liess, die Säulenhallen mit ihren Wärme- und Kältebereichen zu einem steinernen Wald mit dem Versprechen auf ein Jenseits, vor dem Marterwerkzeuge aufgestellt sind, umformte.
Wenn es regnet, ist mit einem Mal das christliche Himmelsstreben nicht mehr zum Lachen. Auf dem Weg begegnet mir die deutsche Frau, die mir vor zwei Jahren sagte, dass sie Geld erwarte, dieses Geld aber noch nicht angekommen sei, ich ihr in der Zwischenzeit etwas vorschiessen sollte, sie kein Sozialfall sei, dem man einfach einige Münzen zustecken könne. Sie sitzt mit ihren Schachteln unter einer Platikplane und redet vor sich hin.
Ich kaufe allfarben gestreifte Trotzkleider: völlig überflüssiger Weise wieder einmal eine Jacke, ein vielfach zusammengesetztes Einzelstück von einer Genfer Schneiderin, die sich freut, weil alles genau passt, dazu Handschuhe, Schal, Mütze, Hut. Und endlich entschliesse ich mich zu jenen Schuhen, die auch in St. Gallen ausgestellt waren – weiche, teure Schuhe für weite Wege – winde vor dem Vatikan meine nassen Socken aus, werfe das vom Wasser völlig durchtränkte und abgelaufene Paar weg. Die Füsse sind halbwegs trocken, die Kleider sind bunte Wimpel, die Wolken verziehen sich, das Licht wärmt Sankt Peters Travertin. Daheim koche ich Bruscchette ai funghi, Trüffelspaghetti con Panna e Pinoli und Artischocken, liege in der Badewanne herum, lese mich mit Gregorovius durch das achte Jahrhundert der römischen Geschichte, die Folge von sofort wegsterbenden Päpsten, Pestepidemien, letzten Abtransporten römischer Schätze durch Byzanz, stelle mir das Dach des Pantheons mit seinen alten, goldenen Ziegeln vor, lache mit Michèle über all die römischen Erfindungen, die ins Pantheon geschleppten Knochen der durch den Tod ins Unendliche vermehrten Heiligen, die dafür sorgten, dass dort, unter der grössten Betonkuppel, statt böser Geister ambrosischer Duft aufstieg.
Nun ist die Plapperzeit, die ich mit Michèle verbracht habe, auch vorbei. Es gibt noch einige leere Stellen auf der Leinwand. Es sind noch kleinere Texte zu korrigieren. Das neue Skizzen- und Textbuch hätte noch Raum für Wochen. Ich hätte es doch nicht kaufen sollen. Es verlockt zu sehr, einfach bleiben zu wollen. Aber es ist an die Schulvorbereitung, an die Erstlesetage am Seminar, an die Durchführung der Lesung aus „Bildung auf Mariaberg“, an die Bauminstallation für die Ausstellung in Küsnacht und an die Kantonsratswahlen zu denken. Auf Einladungen zu Sitzungen kann nicht mehr einfach mit dem Verweis auf ein Leben in Rom geantwortet werden: noch dieses Alban-Berg-Konzert hören und jene Lesung nicht verstehen und so weiter. So überkommt mich auch Eile. Und ich kaufe letzte Vongole und Zucchiniblüten, fahre im Bus und in der Trambahn an allem vorbei: letzte Blicke auf die Piazza Colonna und die Marc-Aurel-Säule, zu den Kaiserforen und der Trajans-Säule, zum Kolosseum, auf die Piazza del Popolo, die trotz Symmetrie und Wiederholung nicht tot erscheint, weil es Unregelmässigkeiten gibt und Feinheiten, eine leichte Bewegung in allem liegt… Und es scheint mir, ich müsste länger darüber nachdenken. Vielleicht weiss ich mehr, wenn demnächst die Skier hervorgeholt werden. Es scheint, als möchten nach diesen langen Monopattiono- und Wanderwegen Tiefschneeabfahrten locken.
Bis bald.
Ruth