Frauen in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung
Zur Publikation „Bildung auf Mariaberg“

Da stehen sie, in „Bildung auf Mariaberg“ auf Seite 65, sechs 1944 neu diplomierte Lehrerinnen vor einer dreifachen Reihe Männer, und kaum eine weiss, wohin mit ihren Händen. So halten sie sie vor dem Bauch oder hinter dem Rücken, und eine Hand hält die andere. Darunter, auf einem neueren Bild sieht das ganz anders aus. Locker sitzen sie da, die jungen Frauen neben Marianne Kunath, ihrer Lehrerin, lachen, sind in der Mehrzahl. Ihre Hände zeigen nichts von der alten Angst und Unsicherheit. Frauen werden zur Unnatur
Auf Seite 53 und 54 kann dann unter den von Ruth Erat und Winfried Humpert zusammengestellten Denk- und Merkwürdigkeiten ein Stück dieser Geschichte der Frauen in der Seminarausbildung nachgelesen werden: „Es ist eine Erfahrungstatsache, dass Lehrerinnen den Unterricht nur lückenhaft und oberflächlich geben, dass selten ein Frauenzimmer imstande ist, einen Lehrplan konsequent zu befolgen, weil es nicht in der Natur des Weibes ist, energisch auf ein vorgestecktes Ziel hinzuleiten… Haben sie aber diese Fähigkeiten, so nähern sie sich dem Charakter des Mannes und entfernen sich vom Charakter des Weibes, werden zur Unnatur.“ Damit beginnt die Frauenkarriere im Bildungsbereich. Und was der „Schulfreund“ 1859 zur Einschätzung weiblicher Möglichkeiten aufführt, hält an. Ein langer Weg
Erstmals wurden 1871 zwei „Jungfrauen“ eine Lehrbewilligung erteilt, aber nur für die unteren Klassen. Rektor Lagiadèr, bereits durch seine unkatholisch freigeistige Denkweise ins Schussfeld des Rorschacher Boten geraten, versuchte zwar 1875 die Einwände gegen die Ausbildung von Lehrerinnen zu entkräften. Aber der Grosse Rat entschied aus „Opportunitätsgründen“ für Zuwarten. In der Konsequenz hiess das, erst 1888 traten auf Mariaberg Mädchen als reguläre Seminaristinnen ein, und erst 1913 meldete sich erstmals eine Frau als Fachlehrerin. Der Konvent lehnte ihre Anstellung „natürlich“ entschieden ab. Es gab keine Frauen, die an Schweizerischen Mittelschulen „Zöglinge“ unterrichteten. So einfach war die damalige Argumentation der männlichen Lehrkräfte. Und es dauerte in der Tat Jahrzehnte, bis Walter Schönenberger 1979 den heute längst überflüssigen Satz schreiben konnte: „Dass heute die Fähigkeiten der Lehrerin in der Schulstube nicht mehr angezweifelt werden, liegt auf der Hand.“
Dass dieser lange und mühsame Weg immer vom Bild der lesenden Mädchen im heutigen Musiksaal begleitet war, dieses mittelalterliche Fresko aber bis in die heutige Zeit hinein beharrlich als Weben der Frauen interpretiert wurde, lässt sich im Beitrag von Dr. Max Schär auf Seite 22 und 23 aufspüren. Auch das ist Teil der Bildungsgeschichte.Die Gegenwart
Für sich spricht dann in unserer Gegenwart, dass mit Helen Meier und Katrin Hilber, mit der Regierungsrätin und der Doyenne der Ostschweizer Literatur zwei ganz besondere ehemalige Seminaristinnen gezeigt werden. Und das gilt auch für die Tatsache, dass unter dem Stichwort „Die Studierenden haben das Wort“ mehrheitlich junge Frauen ihre Texte publizieren liessen. Doch gleichzeitig lässt sich auch feststellen, dass die Zukunft hier zumindest eine von Männern formulierte scheint. Rektorinnen gibt es vorläufig noch immer nicht.
So lässt sich die Zusammenstellung, die am Ende des seminaristischen Bildungswegs nochmals die Vergangenheit beleuchtet, Einblicke in Fachbereiche und besondere Themen schafft, das Weiter aufzeigt, auch lesen: Eine Geschichte der Frauen, eine Geschichte am Rand, eine Geschichte, die andauert. Die Publikation
„Bildung auf Mariaberg. Einblicke – Ausblicke – Fragmente.“, erhältlich am Seminar Rorschach, in der Buchhandlung Kornhaus in Rorschach und im Rösslitor St. Gallen, bietet einen Einblick in die klösterlichen Grundlagen, den seminaristischen und in den tertiären Bildungsweg. Lanciert, erarbeitet und zusammengestellt wurde diese Publikation von Lehrpersonen. Hans Ulrich Stöckling schreibt dazu im Vorwort: …Dr. Ruth Erat und Dr. Winfried Humpert haben sich dem ehrgeizigen Ziel der Herausgabe eines Buches angenommen und im Buchprojekt „Bildung auf Mariaberg“ einen facettenreichen Rückblick und einen wagemutigen Ausblick geschaffen. Die Herausgebenden relativieren in ihrem Dank: Manches wird man hier auch vergeblich suchen. Dafür wird man Unerwartetes und Besonderes finden.
Auf dem Bild darunter steht die Schulleitung im Schnee, zwischen den Männern Barbara Wolfer, die erste Prorektorin von Mariaberg. Und nicht von Ungefähr kommt es, dass das vom PHR-Rektor, Dr. Erwin Beck, mit einer Klammer erweiterte Zitat von Hans Aebli gerade mit diesem Zusatz am Ende steht: Wo ein guter Lehrer (eine gute Lehrerin) am Werk ist, wird die Welt ein bisschen besser.